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Entrepreneure "Immer ein Ohr auf der Strasse"

Die Gründer der Smartphone-App MyTaxi haben die Taxibranche komplett umgekrempelt - klassische Funkzentralen könnten zum Auslaufmodell werden. Geschäftsführer Sven Külper über den Einstieg in eine verknöcherte Branche, den Umgang mit bösen Gerüchten und die Frage, warum er iPads an Hotels verschenkt.
aus Harvard Business manager 1/2012
MyTaxi-Gründer Sven Külper

MyTaxi-Gründer Sven Külper

Foto: ENVER HIRSCH FÜR HARVARD BUSINESS MANAGER

Herr Külper, Sie haben mit MyTaxi eine Branche aufgemischt, die als wenig innovativ galt. Manche Taxifahrer bieten keine Kreditkartenzahlung an; überregionale Taxizentralen gibt es nicht. Und da kommen Sie und wollen alles anders machen. War Ihnen klar, worauf Sie sich einlassen?

KÜLPER Nein, in der Form nicht. Uns war aber sehr schnell klar, dass das Gewerbe nicht zeitgemäß ist und daher von Grund auf erneuert werden muss. Der Mensch an sich ist sehr bequem - wenn es keinen Grund gibt, innovativ zu denken, dann tut er das auch nicht. Das war damals bei den Funkzentralen nicht anders. Erst im Laufe der Zeit sind wir dahintergekommen, dass es bei den Taxifahrern ein starkes Bedürfnis nach zusätzlichen Aufträgen gibt.

Wie sind Sie diesem Bedürfnis auf die Spur gekommen?

KÜLPER Wir haben ausgiebige Marktforschung betrieben. Wir haben Umfragen gestartet. Wir haben uns mit Diskussionsgruppen aus dem Taxigewerbe zusammengesetzt und unsere Idee einer Taxi-App für Smartphones diskutiert. Am Anfang ist uns dabei oft eine ablehnende Haltung entgegengeschlagen. Die Branche braucht eben eine gewisse Zeit, um sich mit Innovationen vertraut zu machen. Das war vor zwei Jahren noch anders; damals waren Apps noch in den Kinderschuhen. Heute hat sich das komplett geändert. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es noch Taxifahrer in Deutschland gibt, die nicht von MyTaxi gehört haben.

Haben Sie sich bei der Gründung bewusst für eine innovationsarme Branche entschieden?

KÜLPER Nein, die Idee kam meinem Cousin und mir spontan in einer Bar in München. Da war es laut, wir konnten nicht telefonieren, kannten weder die Adresse noch die Nummer einer Taxizentrale. Da haben wir uns gefragt, ob es heute nicht eine andere Möglichkeit geben müsste, ein Taxi zu bestellen. Die Gründungsidee ging also vom Mehrwert des Kunden aus. Erst danach haben wir angefangen, auch den Mehrwert für die Taxifahrer zu beleuchten.

Ihr Geschäftsmodell beruht darauf, dass Kunde und Fahrer ein Smartphone besitzen. Ist das nicht bislang noch ein Nischenmarkt?

KÜLPER Aufseiten der Endkunden keinesfalls. Smartphone-Apps sind einer der am stärksten boomenden Märkte. Die Abdeckung ist groß; in den nächsten zwei Jahren werden Smartphones herkömmliche Handys ablösen. Und für Taxifahrer liegt der große Mehrwert darin, dass sie eben nur ein Smartphone brauchen. Das kostet 100 Euro, dann sind sie dabei. Für eine Funkausrüstung fallen viel höhere Kosten an.

Ist es mit der Smartphone-Technik heute leichter als früher, in etablierte Märkte einzudringen?

KÜLPER Smartphones haben frischen Wind in viele Branchen gebracht. MyTaxi ist ein gutes Beispiel für eine disruptive Technologie, die die Wertschöpfungskette völlig verändert. Das ist erst durch die Verbreitung von Smartphones möglich geworden - kleine Computer, die große Dinge leisten.

Als disruptiver Entrepreneur sind Sie dabei, eine ganze Branche zu zerstören, nämlich die der Taxizentralen ...

KÜLPER "Zerstören" klingt so negativ.

Dann sagen wir: neu zu erfinden. Macht das manchen in der Taxibranche auch Angst?

KÜLPER Die Taxizentralen reagieren ganz unterschiedlich auf die Konkurrenz durch uns. Ein Ansatz, den wir sehr gut finden, ist der Versuch, ebenfalls innovativ zu sein. So bieten einige Funkzentralen inzwischen selbst Taxi-Apps an. Andere versuchen Fahrern, die MyTaxi benutzen, Steine in den Weg zu legen. Da gibt es heimliche Diskriminierung, indem diese Fahrer bei der Fahrtenverteilung benachteiligt werden, und offene Diskriminierung, indem Funkzentralen MyTaxi-Fahrern die Verträge kündigen, obwohl das rechtlich gar nicht zulässig ist. Es werden sogar Gerüchte über uns gestreut. Erst heute habe ich mitbekommen, in Köln werde gemunkelt, dass wir auch Mietwagen in unser System aufnehmen. Das ist definitiv nicht der Fall, aber unter Taxifahrern sind Mietwagen verpönt, weil sie so viel günstiger sind.

Wie reagieren Sie auf solche Unterstellungen?

KÜLPER Indem wir intensiv mit unseren Taxifahrern kommunizieren. Beispielsweise gibt es bei uns regelmäßige Newsletter für die Fahrer, Push-Nachrichten und SMS. Auch unser Callcenter ist rund um die Uhr am Telefon. Aber insgesamt ist die Stimmung gegen- über MyTaxi so gut, dass die Gerüchte vielleicht ein paar Fahrer verunsichern, aber sicher nicht die große Masse.

Haben Sie überlegt, mit den Taxizentralen zusammenzuarbeiten?

KÜLPER Ja, schon ganz früh, als gerade die Betaversion draußen war. Da haben wir das MyTaxi-Konzept beim BZP, dem Deutschen Taxi- und Mietwagenverband, präsentiert, der höchsten Instanz der Branche. Ich glaube, wir haben da fünfmal vorgesprochen, aber die haben das System kollektiv abgelehnt. Man sagte uns, dass man leider keine Form der Zusammenarbeit finden werde und auch nicht an unser System glaube. Dennoch sind wir weiter offen für Gespräche und haben auch deshalb einen Antrag auf Aufnahme in den BZP gestellt.

Die ärgern sich heute wahrscheinlich über die Maßen. Was hatten Sie sich denn von der Präsentation beim BZP erhofft?

KÜLPER Das wüsste ich auch gern, was in denen jetzt vorgeht ... Für uns war es von Anfang an die größte Herausforderung, eine kritische Masse an Taxis in einer Stadt zu erreichen. Nur so können wir den Kunden garantieren, dass sie in kürzester Zeit einen Wagen bekommen. In Hamburg liegt diese kritische Masse bei fünf bis acht Minuten - das haben wir mittlerweile erreicht. In Berlin sind es drei Minuten. In dieser Zeit muss ein Taxi da sein, sonst können wir uns nicht mit den Zentralen messen. Dafür wäre es anfangs natürlich bequem gewesen, auf die Hilfe von Multiplikatoren zu bauen, also den Funkzentralen. Hat nicht geklappt. Also haben wir gesagt: Dann machen wir es halt selbst. Im Nachhinein sind wir darüber natürlich sehr froh.

Um Ihre App bekannt zu machen, greifen Sie zu einem ungewöhnlichen Mittel: Sie verschenken iPads an Hotels. Was hat es damit auf sich?

KÜLPER Immer wenn wir in einer neuen Stadt starten, brauchen wir ausreichend Angebot - das sind die Taxen, die für uns fahren, und ein Grundrauschen an Nachfrage bei den Kunden. Erst wenn die Taxifahrer sehen, hier passiert etwas, arbeiten sie mit uns zusammen. Dieses Grundrauschen erzeugen wir unter anderem dadurch, dass wir Hotelrezeptionen mit iPads ausstatten, auf denen unsere App läuft. Für die Hotels ist das toll, weil sie sich als innovatives Haus darstellen können. Und für uns lohnt es sich, weil Hotels sehr viele Buchungen machen - im Schnitt 15 bis 20 Touren am Tag. Da hat sich so ein iPad schnell amortisiert.

Auch bei der Abrechnung mit den Taxifahrern machen Sie es anders als die Funkzentralen: Sie verlangen keinen monatlichen Festbetrag, sondern in Deutschland eine Gebühr von 79 Cent pro Fahrt. Warum dieses Abrechnungsmodell?

KÜLPER Es erschien uns als das fairste Modell. Ein Fahrer, der einer Funkzentrale angeschlossen ist, startet quasi mit einem Minus in jeden neuen Monat, weil er erst mal die fixe Grundgebühr zahlen muss. Er weiß aber gar nicht, wie viele Touren er im Laufe eines Monats dafür bekommt. Deshalb, so haben wir uns überlegt, muss es doch für den Fahrer attraktiver sein, nur dann eine Gebühr zu zahlen, wenn er eine Leistung dafür bekommt - also eine vermittelte Tour.

In Wien, wo Sie im August gestartet sind, müssen die Fahrer 99 Cent an Sie zahlen. Warum der höhere Preis?

KÜLPER Weil die Preisstrukturen im Wiener Taxigewerbe generell anders sind. Die Zentralen dort sind wesentlich teurer als bei uns. Selbst mit einem Preis von 99 Cent wird MyTaxi dort immer noch als günstig wahrgenommen. Natürlich ist der Taximarkt in Deutschland regional unterschiedlich. In Berlin beispielsweise sind die Abgaben an Taxizentralen wesentlich günstiger als in Hamburg. Trotzdem wollten wir innerhalb Deutschlands erst einmal Preistransparenz schaffen. Deshalb ist der Preis hierzulande für alle Städte gleich.

Derzeit entstehen weltweit immer mehr Taxi-Apps, etwa Cabtus aus Zürich oder das israelische GetTaxi, die demnächst wohl auch auf den deutschen Markt drängen werden. Dann sind Sie nicht mehr der Neuling, sondern Platzhirsch. Schalten Sie dann von Angriff auf Verteidigung um?

KÜLPER Anfangs haben wir uns ein bisschen wie David gegen Goliath gefühlt. Das gilt mittlerweile nicht mehr, weil wir der größte Taximarktplatz Europas mit 5500 Fahrern und mehr als einer halben Million Downloads sind. Dass jetzt Mitbewerber auf den von uns neu geschaffenen Markt drängen, gehört in einer Marktwirtschaft einfach dazu. Ich bin überzeugt, dass das dem Geschäft sogar guttun wird, weil es die Relevanz von Taxibestellungen über Apps stärkt. Der Taximarkt ist aber sehr divergent, und mit einer Nachahmung der App ist es nicht getan. Als Vorreiter auf dem Markt haben wir langjährige Erfahrungen und auch aus unseren Fehlern gelernt. Natürlich muss auch die App weiter innovativ bleiben und bei Nutzerfreundlichkeit und Kundenerlebnis besser sein als alle anderen.

Wie hoch ist bei Ihnen die Schlagzahl der Innovationen?

KÜLPER Wir bringen alle vier Wochen etwas Neues heraus. Es gibt bei uns ein Dokument - wir nennen es Innovationsbuch -, in das wir alle Ideen eintragen und bewerten. Es ist so lang, dass wir 500 Entwickler einstellen könnten, die Tag und Nacht programmieren, um alle Ideen umzusetzen.

Welche Neuerungen kommen als Nächstes?

KÜLPER Gerade testen wir in Hamburg die webbasierte Taxibestellung für Kunden, die gerade am PC sitzen oder kein Smartphone haben. Ein Riesenthema bei uns ist Mobile Payment - damit werden wir Anfang 2012 live gehen. Im Taxisegment sind wir die ersten, die diese Bezahlung über das Internet anbieten. Und wir arbeiten daran, Vorbestellungen für Taxifahrten anzubieten.

Werden Sie irgendwann auch eigene Taxifahrer beschäftigen?

KÜLPER Nein, das ist wieder ein ganz anderes Geschäftsmodell. Aber es gibt einige Fahrer, mit denen wir sehr eng zusammenarbeiten - einfach um immer ein Ohr auf der Straße zu haben, um zu wissen, was in der Branche passiert. Das ist schon fast, als hätten wir unsere eigene Taxicrew.

Was glauben Sie: Wird es in zehn Jahren noch so viele Funkzentralen geben wie heute?

KÜLPER Definitiv nein. Natürlich wird es immer Fahrgäste geben, die ihr Taxi lieber telefonisch bestellen. Aber deren Anteil wird immer kleiner werden, und damit schrumpft auch die Relevanz der Zentralen.

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