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Harvard forum

aus Harvard Business manager 4/1991

KAY BADEN ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Betriebswirtschaftslehre der Universität Kiel.

Mit den Faktoren, die das Einkommen von Topmanagern beeinflussen, beschäftigte sich Joachim Schwalbach in der Ausgabe 3/1991 des HARVARDmanager. Am Ende kam er zu dem empirisch gestützten Ergebnis, daß Branchenzugehörigkeit und Unternehmensgröße am ehesten über die Höhe der Vorstandsgehälter entscheiden; der Unternehmenserfolg bleibe dagegen ohne nachweisbaren Einfluß. Einige plausible Erklärungen sowie eigene empirische Erkenntnisse (siehe Baden/Gatermann 1990 und 1991) stehen allerdings zum Teil jedenfalls - im Widerspruch zu dem Befund von Schwalbach; sie sollen daher hier vorgestellt werden. Unstrittig ist, daß die Unternehmensgröße ihren Einfluß auf die Höhe der Vorstandsbezüge hat. Diese Feststellung deckt sich mit den Recherchen der Kienbaum Vergütungsberatung (siehe Evers 1991) sowie den eigenen Erhebungsresultaten; das ist im übrigen argumentativ auch leicht zu begründen. Bestreiten läßt sich indes der von Schwalbach postulierte Zusammenhang zwischen Gehaltshöhe und Branche. Tatsächlich sind bei Vorständen von Unternehmen unterschiedlicher Branchen merkliche Einkommensunterschiede zu beobachten; in dieser Hinsicht wird - nicht ohne Grund - gelegentlich von "Lockgehältern" oder "Schmutzzulagen" gesprochen. Ohnehin bekannt sind das Verlagswesen oder die Chemie für ihre überdurchschnittlichen Gehälter, während die Bezüge in den von Schwalbach als Beispiel angeführten Brauereien in der Regel niedrig ausfallen (was übrigens für die Einkommen der dort beschäftigten Arbeitnehmer genauso gilt). Es wäre freilich voreilig, von diesen Beispielen auf einen tieferen, ursächlichen Zusammenhang zu schließen. Denn zum einen bereitet die bloße Ermittlung der Vorstandsbezüge, zumal in der Bierbrauerzunft, erhebliche Probleme; das liegt vor allem an der starken Verflechtung in dieser Branche. So kommt ein Vorstand der Bremer Brauerei Haake Beck AG im Mittel gerade mal auf ein Gehalt von 67 000 Mark pro Kopf (siehe Geschäftsbericht 1989/90, Seite 15), doch die Geschäfte von Haake Beck werden eben von den Managern der Mutter Beck GmbH & Co. miterledigt. Die im Geschäftsbericht ausgewiesenen Vorstandsbezüge sind also nur ein Zubrot, aber sie verderben ungewollt die Durchschnittswertrechnung. Auf der anderen Seite besteht das grundsätzliche Problem einer klaren Branchentrennung vor allem bei Berücksichtigung langer Zeitreihen. Da mutieren Automobilhersteller zu Konglomeraten oder Brauereien zu Verwaltungsgesellschaften, die ausschließlich von Vermietung und Verpachtung leben. Es ist weder erwiesen noch anzunehmen, daß Veränderungen im wirtschaftlichen Betätigungsfeld auch Gehaltsveränderungen im Vorstand bewirken. Darüber hinaus ist schwer einzusehen, warum sich denn die Festlegung der Gehälter in Abhängigkeit von der Branche vollziehen sollte. Was würde - in enger Abgrenzung - denn wohl Vergütungsunterschiede zwischen Schaden- und Rückversicherern rechtfertigen oder zwischen Elektro- und Elektronikunternehmen? Auf welcher Grundlage sollten - in weiter gezogenen Grenzen - Topmanager von Lebensmittelherstellern anders entlohnt werden als ihre Kollegen im Maschinenbau? Hinter den in der Realität zu beobachtenden Vergütungsunterschieden in einzelnen Branchen muß sich ursächlich etwas anderes verbergen. Und einer näheren Betrachtung erschließt sich dieser Faktor auch. Dann nämlich fällt auf, daß Branchen mit hohen Vorstandsgehältern in der Regel auch erfolgreich arbeiten. Verlage erwirtschaften gute Renditen, und auch in der chemischen Industrie wurde bisher kräftig verdient. Die deutschen Brauereiaktiengesellschaften erreichen im Vergleich dazu mit einer durchschnittlichen Eigenkapitalrendite von fünf Prozent (vor Steuern) nur eine mäßige Performance (beurteilt aufgrund einer Auswertung von 30 Jahresabschlüssen deutscher Brauereiaktiengesellschaften des Geschäftsjahres 1989). Obendrein ist bekannt, daß Vorstände wesentliche Elemente ihres Einkommens Gewinnbeteiligungen verdanken. Das zwingt dazu, den Unternehmenserfolg in einem Erklärungsmodell mitzuberücksichtigen. Neben diesen Überlegungen sprechen auch die Ergebnisse eigener empirischer Erhebungen für den parallelen Einfluß von Unternehmensgröße und -erfolg auf die Vergütung der Vorstandsmitglieder deutscher Aktiengesellschaften einbezogen waren die Bereiche Industrie, Handel und Verkehr ebenso wie Banken. Untersucht wurde im Rahmen des Erhebungsmodells, wie sich die Pro-Kopf-Bezüge von Vorständen denn am besten durch Kennzahlen aus dem Jahresabschluß erklären lassen; Abweichungen von der so ermittelten Norm wären dann als Über- oder Unterbezahlung zu interpretieren. Solche Erhebungen führen zu einer Pay-Performance-Analyse, wobei der Begriff Performance allgemein für Unternehmensqualität steht (siehe Schmidt 1991, Seite 29). Zwei Problemkreise sind damit direkt verbunden. Zum einen muß entschieden werden, wie Vorstandsgehälter zu beziffern sind. Handelsrechtlich vorgeschrieben ist, daß die in einem Geschäftsjahr den Vorstandsmitgliedern gewährten Bezüge als Gesamtbetrag im Anhang des Geschäftsberichts ausgewiesen werden müssen. Enthalten sind da auch die zum Teil recht hohen Abfindungen für ausscheidende Personen. Zudem umfaßt die Summe Vergütungen für Tätigkeiten in Tochtergesellschaften, selbst wenn diese nur einzelnen zufließen.

Des weiteren ist bekannt, daß die Höhe der Gehälter in Abhängigkeit von der Funktion schwankt. Für den Vorstandsvorsitzenden oder -Sprecher wird häufig ein Faktor 1,5 bis 2 im Vergleich zu den übrigen Vorständen unterstellt. Aufsichtsratsmandate und sonstige Nebentätigkeiten differenzieren die Gehälter zusätzlich. Bei der Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) ist zu beachten, daß die persönlich haftenden Gesellschafter durch das höhere Risiko auch ein höheres Gehalt beziehen werden als die übrigen Mitglieder der Geschäftsleitung. All diese Schwierigkeiten lassen sich natürlich durch Lektüre von Geschäftsberichten nicht klären. Pauschalierende Annahmen wird daher jeder treffen, der nicht gleich kapitulieren will. Da die individuellen Gehälter nicht ermittelbar sind, haben wir bei den eigenen Rechnungen den Vorstand als Team aufgefaßt: der ausgewiesene Gesamtbetrag aller Bezüge konnte so durch die Zahl der Vorstandsmitglieder geteilt werden. Gerechnet wurde im übrigen in Mann-Monaten, weil sich ja die Zusammensetzung des Teams oft im Laufe eines Geschäftsjahrs ändert. Der zweite Problemkreis betrifft die Frage, welche Größen für die Erklärung der Vorstandsbezüge in Betracht kommen. Nun liefert die Performance-Forschung Kriterien, nach denen sich der Unternehmenserfolg messen läßt; in der Regel knüpfen sie an Dimensionen an wie Rendite, Sicherheit und Wachstum (siehe Schmidt 1989, Seite 62ff.). Als wir derartige Performance-Maßstäbe anlegten, sahen wir rasch, daß die Vergütungen von Vorständen damit allein nicht zu erklären sind - Vorstandsbezüge sind primär nicht erfolgsabhängig, obwohl wir auf einen statistisch signifikanten Zusammenhang bei einzelnen Maßgrößen stießen. Für eine Stichprobe von über 150 börsennotierten Aktiengesellschaften haben wir dann die durchschnittlichen Vorstandsgehälter einer Vielzahl von Unternehmenskennziffern gegenübergestellt; mit Korrelationskoeffizienten wurde dabei die Erklärungskraft jeder Kennzahl gemessen. Daraus ergab sich eine Rangfolge: Als für die Erklärung der Vorstandsgehälter bedeutsam erwiesen sich Kennzahlen, die für die - voneinander unabhängigen - Dimensionen Unternehmensgröße und -rentabilität stehen. Ganz nebenbei ergab sich, daß eine recht gute Beschreibung der Realität schon mit drei bis vier Kennziffern gelingt. Um in unserem Erklärungsmodell nicht nur vergangenheitsbezogene Maße für die Vorstandsgehälter zu verwenden, haben wir obendrein den von James Tobin vorgeschlagenen Börsenwertfaktor berücksichtigt. Er gibt die Zukunftsaussichten eines Unternehmens in der Einschätzung der Börsianer wieder. Allerdings ist der Erklärungsbeitrag dieses Faktors relativ gering. Heraus kam am Ende, daß die Unternehmensgröße - bemessen an den Variablen Umsatz (beziehungsweise Bruttoertrag) und Bilanzsumme - die Höhe der Gehälter am stärksten beeinflußt (siehe Abbildung). Erst danach kommen Mitarbeiterzahl, Eigenkapital und Jahresgewinn in Betracht. Außerdem konnte ein statistisch gesicherter Zusammenhang zwischen den Vorstandsvergütungen und dem Unternehmenserfolg festgestellt werden, wobei die Eigenkapitalrendite den relativ besten Erklärungsbeitrag lieferte. Von Bedeutung waren des weiteren auch die Gesamtkapitalrendite und der Gewinn je Aktie. Als völlig irrelevant für den Pegelstand der Vorstandsbezüge erwies sich bei den untersuchten Industrieaktiengesellschaften die so gern berechnete Umsatzrendite. Sinnvoll ist diese Kennziffer allenfalls bei Unternehmensvergleichen innerhalb einer Branche. Und Branchenzugehörigkeit wiederum spielte für die Vergütung der Vorständsbezüge nur vordergründig eine Rolle. Das von uns benutzte Modell erlaubt auch Aussagen darüber, ob eine Vorstandscrew, gemessen an den verwendeten Kennzahlen, tendenziell (zu) hoch oder (zu) niedrig vergütet wird - verständlich, daß solche Vorstände, die am Ende als überbezahlt gelten dürfen, dem Bewertungsverfahren wenig Geschmack abgewinnen.

Literatur

Kay Baden, Michael Gatermann: Sind deutsche Topmanager ihr Geld wen? in: manager magazin, 7/1990, Seite 168-177; Kay Baden, Michael Gatermann: Soll und Haben, in: manager magazin, 7/1991, Seite 146-155. Heinz Evers: Auch die Gehälter gedeihen in der Konjunktur-Sonne, in: Die Welt, 9. 2. 1991, Karriere '91, Seite 3. Haake Beck (Hrsg.): Geschäftsbericht 1989/90. Reinhart Schmidt: Rating börsenorientierter Unternehmen, in: W. Gerke (Hrsg.) Anleger an die Börse, Berlin/Heidelberg/New York 1989, Seite 55-91. Reinhart Schmidt: Unternehmensimage, Unternehmensperformance und Börsenkurs, in: A. Demuth (Hrsg.) Imageprofile '91, Financial Communications, 4. Jg., Düsseldorf/Wien/New York 1991, Seite 29-35. Joachim Schwalbach: Vorstandsbezügc werden falsch berechnet, in: HARVARDmanager, 2/1991, Seite 39-42.

Kay Baden
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