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Hanebüchene Methode

Exklusivstudie: Keine Angst vor Gurus (HBm 10/2004)
aus Harvard Business manager 12/2004

Sehr merkwürdig. "Die 50 wichtigsten Managementvordenker der Deutschen" kündigt die Tabelle an. Der Artikel verspricht: Hier geht's um die "Gurus" der deutschen Wirtschaft. Das ist spannend. In der Liste dann aber kaum Namen, die sich mit den Überschriften wirklich ernsthaft assoziieren ließen.

Das hat mich erst mal gewundert. Den Autoren der Studie, Herrn Scholtissek von Accenture, auch. Der druckst nämlich im Artikel tiefsinnig und langwierig herum, warum es bei uns wohl keine "Gurus nach US-Vorbild" gebe, und findet sogar, die Liste rege teilweise zum "Schmunzeln" an. Und fragt gar ketzerisch: "Hat Deutschland [...] keine Gurus?"

Dann aber klärt sich das Mysterium doch irgendwie auf: Denn Herr Scholtissek wollte von den 200 Befragungsteilnehmern ja wissen, welche "internationalen und deutschen Forscher wie auch Manager nachhaltig wirtschaftliches Handeln beeinflusst haben." Nun mal ehrlich: Was hat diese Frage mit Gurus zu tun, was mit Managementvordenkern? Auch dem Nicht-Guru wird da sofort klar: Natürlich gar nichts! Doofe Frage, doofe Antworten. So leicht ist das.

Jedenfalls überrascht es bei dieser Fragestellung nicht, dass keiner der ganz intuitiv als "deutsche Gurus" in Frage kommenden Verdächtigen wie Sprenger, Malik (Schweizer, aber wir wollen ja nicht pingelig sein), Simon (der mit dem Ruf als "der deutsche Peter Drucker" kokettiert), Brandes, Horx oder auch Berater wie Sommerlatte in der Liste wiederzufinden ist: Denn wer würde schon mit Nachdruck behaupten, dass diese Herren als "Forscher" oder "Manager" "nachhaltig wirtschaftliches Handeln beeinflusst haben"? Vermutlich kaum jemand. Die krude Fragestellung erklärt dann aber auch die komischen Namen auf der Liste.

Der ganze Artikel regt mich denn auch weniger zum "Schmunzeln" an ob der merkwürdigen Umfrageergebnisse, sondern eher schon zum Stirnrunzeln ob der hanebüchenen Befragungs- und Rankingtechnik, die hier angewendet wurde.

Nebenbei deutet die dem Ranking vorangestellte Erklärung dann auch noch an, dass die Rangfolge mehr oder weniger auf Basis von Google-Häufigkeit anstatt nach Häufigkeit der Nennung unter den 200 Befragten entstand. Was dann auch hinreichend erhellt, dass zum Beispiel das US-Aktienmarkt-Zweigestirn Gates/Greenspan weit vor abgeschlagenen Vollgurus wie Senge/de Bono/Covey rangiert. Was ist das eigentlich überhaupt für eine Prüfung der "Relevanz" der Namen (Scholtissek), wenn am Ende doch Habermas, Marx/Engels, eine Hand voll eher "klassische" Ökonomen und Ludwig Erhard als Managementvordenker anno 2004 verballhornt werden? Da musste ich dann doch noch schmunzeln: wirklich eine tolle Fundierung einer ganz tollen Befragung.

Mein Fazit: Vermutlich mangelt es in Deutschland nicht an Gurus, sondern einfach an vernünftigen Methoden, diese ausfindig zu machen. Vielleicht hätte man jene 200 auserwählten Kenner ganz einfach fragen können, wer denn aus ihrer Sicht die wichtigsten Managementgurus sind? Dann hätten wir nämlich zum 25. Geburtstag von HBm (Glückwunsch!) doch noch was gelernt über - eben! - die Gurus der Deutschen.

Niels Pfläging, per E-Mail

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