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Rückblick Handreichung für Praktiker

Der langjährige Leiter der Redaktion des Harvard Businessmanagers erinnert daran, wie sich die Betriebswirtschaftslehre in Deutschland verändert und welche Rolle das Magazin dabei gespielt hat.
Von Horst Georg Koblitz
aus Harvard Business manager 10/2004

Der Harvard Businessmanager ist 25 Jahre geworden - für eine Zeitschrift ein stattliches Alter. Fast 17 Jahre habe ich das Magazin redaktionell betreuen dürfen, ebenfalls eine ansehnliche Zeit. So gibt es Gründe genug, ein wenig zurückzublicken.

Erlauben Sie mir, mit einer Reminiszenz an das eigene Studium zu beginnen. Das begab sich in den 50ern und frühen 60ern des vorigen Jahrhunderts - in grauer Vorzeit also. Ich hatte mich für Volkswirtschaftslehre entschieden, musste wider Willen aber auch einige betriebswirtschaftliche Fächer belegen. Das dort Gebotene - Betriebsorganisation, Kostenrechnung, Produktionssteuerung, Vertriebspolitik und dergleichen mehr - kam mir höchst eigenartig vor. Ich gebe zu, einiges von diesem Befremden hat sich lebenslang nicht verloren.

Die westdeutschen Universitäten hatten die Betriebswirtschaftslehre (BWL) nach dem Krieg zu einer selbstständigen akademischen Disziplin nobilitiert und von deren Gelehrsamkeit sollten eben auch junge Volkswirte profitieren. Von amerikanischen Einflüssen war übrigens damals wenig zu merken, von der gelegentlichen Behandlung des Taylorismus einmal abgesehen.

In jenen fernen Tagen gehörte es für Volkswirte zum Comment, auf die Adepten der BWL ein wenig herabzuschauen. Waren das nicht eher zweifelhafte Eindringlinge in den Tempel der Wissenschaft? Auch ich trug die Nase damals etwas höher. Später habe ich mich manchmal verwundert gefragt, wieso mich meine berufliche Tätigkeit bei einer Managementzeitschrift eigentlich keineswegs mit Unbehagen erfüllt hat.

Zu einem Fan des Kostenwesens bin ich freilich nicht geworden. Dafür gab es genug andere, spannendere Themen. Und eine Einsicht hat mir immer eingeleuchtet: Distanz zum Gegenstand der Betrachtung kann eine Tugend sein - sie hilft, Konturen besser zu erkennen.

Kunstlehre

In dem Fach, für das sich am Ende der Name Betriebswirtschaftslehre durchsetzte, war jahrzehntelang über die Frage seines methodologischen Status ingrimmig gestritten worden: Hat die BWL eine theoriegestützte Wirtschaftswissenschaft zu sein, die ihre realen Untersuchungsgegenstände mit Hilfe zu entdeckender Gesetzmäßigkeiten zu erklären sucht? Oder sollte sie - besser? - zu einer Kunstlehre ausgebaut werden, die anhand von Erfahrung und Erprobung Ratschläge und Rezepte entwickelt für ein erfolgreiches Handeln der Unternehmensleiter?

Dem Anschein nach haben die Fürsprecher des Kunstlehreprojekts weitgehend die Oberhand gewonnen, worüber die alte Tante BWL Zug um Zug in der modernen Managementlehre aufgeht (Protestrufe werden hingenommen). Zweifellos dürfte dieser Lauf der Dinge dem überwältigenden Gewicht geschuldet sein, den das amerikanische Geschäfts- und Managementverständnis auch auf die Gemüter hier zu Lande hat. Die betriebswirtschaftliche Forschung nach früherem Zuschnitt mag abseits weiter bestehen, das Zentrum und die Podien beherrscht die Managementlehre mit ihrem Fokus auf Techniken und Werkzeuge.

Nur gelegentlich kommt einem der Vorwurf wieder in den Sinn, den die beiden BWL-Pioniere Moritz Rudolf Weyermann und Hans Schönitz (siehe Servicekasten Seite 195) einer Privatwirtschaftslehre als Kunstlehre schon vor fast 100 Jahren machten: Das wäre dann nichts weiter als "eine Anleitung zu möglichster Routine in einer öden Profitmacherei". Falls einem dieses Diktum heute beispielsweise zum Shareholder-Value-Ansatz einfallen sollte, liefe das dann auf ein Outing als Kapitalismusgegner hinaus?

In der Redaktion war dieser Methodenstreit nie ein Thema. Der Harvard Businessmanager stand immer auf Seiten des Kunstlehreprojekts und hat das seine zu dessen Erfolg beigetragen. Er wurde in erster Line als Handreichung für Praktiker verstanden und dementsprechend beworben als "Ratgeber, den Sie (die Manager) sich leisten können". Entscheider aller Ebenen sollten exemplarische Verfahrensweisen - gute wie missratene - kennen lernen und das zur Bewältigung betrieblicher Probleme geeignete handwerkliche Rüstzeug erläutert bekommen. Wo immer möglich, bevorzugten wir Texte, bei denen das Bemühen sichtbar wurde, von einer theoretischen Fundierung auszugehen.

Alles in allem geriet der Harvard Businessmanager zu einem Bastard, ganz in dem Wortsinn "Nachkomme von Eltern unterschiedlicher Art oder Gattung". Den Lesern war das offenbar recht. Sie wurden mit den Jahren immer zahlreicher und erteilten dem Heft bei den wiederkehrenden Umfragen schmeichelhafte Bewertungen. Große Hilfe leisteten dabei die amerikanischen Autoren. Viele von ihnen besitzen das Geschick, verständlich zu formulieren, ohne auf gedankliche Strenge zu verzichten. Zum Trost: Inzwischen scheinen sich deutschsprachige Autoren diesem Vorbild anzunähern. Was mich angeht, so gefiel es mir immer besser, weder betont wissenschaftlich sein zu müssen noch populistisch.

Glanzstücke

Von seinen Anfängen an besaß der Harvard Businessmanager die Lizenz zum Nachdrucken von Artikeln aus der "Harvard Business Review". Diese wählten wir in Hamburg aus und dienten die Beiträge in redigierten Übersetzungen dem hiesigen Publikum an.

Da die Verpflichtung bestand, jede Ausgabe zu zwei Dritteln aus der Fundgrube "Review" zu bestücken, war eine amerikanische Schlagseite des Heftes unvermeidbar. Die deutschsprachigen Originalbeiträge standen meistens im Schatten. Aber das lag nicht nur an ihrer geringeren Zahl. Vielmehr beruhte dieser Eindruck auch auf der Tatsache, dass den deutschen Autoren nur in seltenen Fällen - und das sei bitte mit Verlaub bemerkt - Texte gelangen, die, an Gehalt und Diktion gemessen, ebenbürtig waren.

Lernen ließ sich nach meiner Erfahrung meistens eher von den Amerikanern, und die wussten auch häufiger völlig Überraschendes mitzuteilen. Ohne Zweifel gab es da manchmal sogar Grund zur Bewunderung.

Einige Glanzstücke sind mir noch deutlich in Erinnerung geblieben. Dazu zählt sicherlich "Der Managerberuf: Dichtung und Wahrheit" des kanadischen Vordenkers Henry Mintzberg (siehe Seite 72). Auch der Beitrag "Was Mitarbeiter wirklich in Schwung bringt" von Frederick Herzberg zum Thema Motivation gehört dazu. Kein anderer Artikel aus der "Harvard Business Review" verkaufte sich besser.

Mit mustergültiger Klarheit stellte der Unternehmensberater Michael Hammer sein Konzept des Reengineering im Harvard Businessmanager vor. Die Psychologen und Berater Timothy Butler und James Waldroop schließlich haben mich mit ihrem Text "Wie Unternehmen ihre besten Leute an sich binden" (siehe Seite 92) auch persönlich angesprochen. Just dieser Text half mir seinerzeit zu verstehen, warum mich die Arbeit für den Harvard Businessmanager nur sporadisch frustriert hat.

Wirkungsgrad

Ob Ratschläge und Rezepte aus dem Harvard Businessmanager wirklich eine maßgebliche Rolle gespielt haben, wenn Unternehmen darangingen, Strukturen und Abläufe zu optimieren? Eine klare Antwort habe ich nicht zur Hand, und genauere Berichte über konkrete Einzelfälle sind eher selten. Ein greifbares Ergebnis ist mir jedoch gut in Erinnerung. Die beiden Kommunikationsberater Andreas Buchholz und Wolfram Wördemann hatten Mitte der 90er Jahre in ihrem Artikel "Wenn Werbestrategien aufgehen sollen" dargelegt, welche vier Strategien für den Erfolg von Werbekampagnen sorgen.

Im Anschluss an die Publikation des Artikels bekam die Agentur unter anderem den Auftrag, den Verkauf von Siemens-Handys in Italien anzukurbeln. Später erzählte man mir, die Verkäufe seien rapide gestiegen. n

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Service

Literatur

Weyermann, M. R.; Schönitz, H.: Grundlegung und Systematik einer wissenschaftlichen Privatwirtschaftslehre und ihre Pflege an Universitäten und Fach-Hochschulen, Karlsruhe 1912, Reprint Osaka 1974.

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Horst Georg Koblitz

war bis Januar 2002 geschäftsführender Redakteur des Harvard Businessmanagers.

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© 2004 Harvard Businessmanager

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