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Kolumne Haltlos Optimistisch

aus Harvard Business manager 6/2011

Scheitern gehört zum Leben! Na klar. Die Frage ist nur, warum dann niemand darüber reden mag. Und schon gar nicht über das Scheitern auf Karrierepfaden. Sicher, es gibt ein paar Schriftsteller und Denker, die sich mit dem Scheitern beschäftigt haben, wie vor mehr als 50 Jahren die Existenzialisten mit ihrem trotzigen "Dennoch". Jüngst legte Hans Magnus Enzensberger ein wenig kokett ein Buch mit seinen "Lieblings-Flops" vor. Aber der hat gut reden, vom Zenit eines erfolgreichen Lebens, in dem ein paar Projekte danebengingen. Dann gibt's noch die lesenswerten Gedanken des jungen Philosophen Robert Pfaller. Der schreibt, dass eine bestimmte Art des planvollen Scheiterns als Absage an ein System gepflegt werden kann, das man nicht will. Aber das hilft hier nicht weiter. Hier geht es um das Scheitern in einem System, das man akzeptiert, in dem man sich daheim fühlt. Allerdings offensichtlich nicht so, dass man über Ängste und Versagen sprechen könnte.

Dieses System folgt der Utopie des Gelingens und dieses Gelingen heißt: Management. Handhabung. Kontrolle. Wenn man, wie in unserer aktuellen Studie, fragt, was denn der angemessenste Begriff für die Turbulenzen "da draußen" sei, dann findet man kaum jemand, der "Bedrohung" oder "Schicksal" nennt. 94 Prozent der Befragten sagen trutzig: "Herausforderung". Und wer der Herausforderung nicht gewachsen ist, der ist zu schwach für diese Welt.

Eine Welt, die sich in ungezählten Traktaten, Ratgebern, Biografien, Modellen oder Best Practices stolz dokumentiert. Eine Welt der Erfolge, der bestandenen Herausforderungen, eine wilde Kasuistik des unausweichlichen Gewinnens.

Aber doch nur eine Halbwahrheit. Denn Scheitern ist normal, die Regel, immer, überall, für jeden. Doch eine Dokumentation des Scheiterns sucht man vergebens.

Und dann die Social Networks, wie sie so schön und täuschend heißen. Hat von Ihnen, meine erfolgreichen Leserinnen und Leser, je jemand in diesen tollen Social Networks mit den Millionen Kontakten ersten, zweiten und dritten Grades eine Community entdeckt, die das sichtliche Scheitern abarbeitet? Warum sonst sollten so viele so oft "neue Herausforderungen" suchen, wenn sie nicht an den Umständen, an ihren Vorstellungen oder Vorgesetzten, an was auch immer mehr oder weniger gescheitert wären? Im Grunde wissen wir: Gegen das, was in der Wirtschaftswelt täglich passieren kann, nimmt sich Murphy's Law als haltloser Optimismus aus.

So fordere ich also erstens eine Bibliothek des Scheiterns, der Bad Practices, der tragischen Verkettungen, der Irrtümer. Ich fordere, zweitens, mehr Ehrlichkeit in der virtuellen Kommunikation in diesem "Second Life" der Karrieredarstellungen, in dem nur Avatare des Erfolgs unterwegs sind und jedem, der nicht so erfolgreich ist, ein schlechtes Gewissen und Schuldgefühle bereiten. Ich fordere das, weil es lehrreich für uns alle wäre, zu sehen, an wie vielen Dingen man scheitern kann, und gelegentlich auch unterhaltsam, wenn man sieht, wie dumm es manchmal läuft. Das also fordere ich, fürchte allerdings, dass ich mit dieser Idee schmählich scheitern werde. Aber wenn schon. Dann suche ich mir eine neue Herausforderung.

Nachdruck

Nummer 201106101, siehe Seite 104 oder www.harvardbusinessmanager.de © 2011 Harvard Business Manager

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