Zur Ausgabe
Artikel 16 / 23
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Bücher Gestern warst du noch Bäcker, heute reparierst du den Ofen

Ein Insider geht mit Weiterbildung hart ins Gericht: Seminare sind reine Zeit- und Geldverschwendung, behauptet ausgerechnet ein Trainer. Seine Kollegen werden ihn für dieses Enthüllungsbuch wohl hassen.
aus Harvard Business manager 8/2008

Es gehört schon eine Menge Mut - und Leidensdruck - dazu, dieses Enthüllungsbuch zu schreiben. Denn wenn Wirklichkeit wird, was Richard Gris in "Die Weiterbildungslüge" fordert, dann ist nicht nur er seinen Job los, sondern mit ihm Zigtausende Trainer, Personalentwickler und Seminarleiter.

Der Mann, der mal eben den Nutzen einer ganzen Branche infrage stellt, arbeitet selbst als Trainer und Berater - und erzählt so plastisch von den Absurditäten seines Berufs, dass sich so mancher Auftraggeber ertappt fühlen wird. Gris selbst möchte lieber unerkannt bleiben: Der promovierte Psychologe ist bei einer Personalberatung angestellt und hat sich deshalb für seine Buchveröffentlichung ein Pseudonym zugelegt.

Anhand unzähliger Beispiele beschreibt der Autor genau das, was misstrauische Controller und Nachdem-Return-on-Investment-Frager immer schon geahnt haben wollen: Weiterbildung ist nutzlos, Zeitverschwendung und eine ungeheure Geldvernichtungsmaschine. Zumindest wenn sie so betrieben wird wie in den meisten Unternehmen - nach dem Gießkannenprinzip, ohne Vor- und Nachbereitung, oft sogar unter Zwang.

Vor allem aber räumt Gris mit dem Irrtum auf, dass sich Mitarbeiter auf Knopfdruck in engagierte Traumkollegen verwandeln, sofern man sie nur in das passende Seminar schickt. "Firmen brauchen ständig den passgenauen Mitarbeiter; sie erwarten menschliche Chamäleons", kritisiert Gris die Idee der Personalentwicklung. "Gestern warst du noch Bäcker, und heute reparierst du den Ofen."

So hart der Autor mit denjenigen ins Gericht geht, die über Weiterbildungen entscheiden, so zurückhaltend ist er mit Kritik an seiner eigenen Branche. Egal ob "die Mitarbeiter", "die Manager", "das Umfeld" (so die Titel der drei Buchteile): Es sind immer die anderen schuld an der Misere.

Immerhin präsentiert der Autor am Schluss ein paar originelle Verbesserungsvorschläge: "Kollegiales Coaching" soll die Mitarbeiter in die Pflicht nehmen, Übungsfirmen bereiten praxisnah auf den Ernstfall vor, und Seminare gibt es nur noch für diejenigen, die in einem Bewerbungsverfahren überzeugt haben.

Seine Trainerkollegen werden Gris für diese Vorschläge vermutlich hassen. Und ihm heimlich recht geben.

Britte Domke
Zur Ausgabe
Artikel 16 / 23
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel