Zur Ausgabe
Artikel 20 / 25
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Kolumne Gerissen, gierig und dumm

aus Harvard Business manager 12/2010

Luzifer höchstselbst muss diese Reichen erfunden haben, als zerstörerischen Beitrag zu des Schöpfers gut gemeintem Werk, auf dass sie, diese Reichen, der Welt ein maximales Maß an Ungemach bereiten.

Dass Sie, liebe Leserinnen und liebe Leser, der leicht literarische Stil dieses ersten Satzes möglicherweise etwas irritiert, ist verständlich. Aber dieses Bild der Reichen, das sich so luziferisch ausnimmt, ist das Bild, das die Literatur dieser Welt seit Tausenden von Jahren pflegt. Ganz gleich, ob Sie die philosophischen Traktate der großen Ethiker, die Märchen, Moritaten oder Sagen und Sprichworte des gemeinen Volkes studieren, die Novellen und Romane der großen Autorinnen und Autoren oder schließlich Filme und die Fernsehserien - von der Bibel bis John Grisham, vom Tempel bis zur "Firma": Unternehmer und Reiche sind gerissen, gierig, faul und zuweilen auch noch dumm. Bei Molière oder Nestroy, als Sinclair Lewis' "Babbitt", bei Heinrich Mann "Im Schlaraffenland", im "Fegefeuer der Eitelkeiten" von Tom Wolfe, bei David Lodge in "Saubere Arbeit", als feister Medienmagnat in "Citizen Kane" vor 70 Jahren oder alerter Yuppie-Broker in der schon zweiten Verfilmung von "Wall Street" heute.

Man braucht nur in die Regale mit Büchern und DVDs zu greifen: Tausend Belege über die Unmoral. Intrigen, Mord und Machenschaften. Und auf der anderen Seite - die Repräsentanz der kleinen Leute. Im verbeulten Auto mit abgetragenen Klamotten: Columbo! In allen 67 Folgen der klassischen Serie sind die Bösen reich oder wollen es bleiben, doch er gewinnt. Wie Derrick, das deutsche Kultserien-Pendant, ein Kleinbürger gegen die Filmversion von München Bogenhausen, das Corleone geradezu als Hort der Rechtschaffenheit erscheinen lässt!

Doch nun die Krönung: Die Szene selbst greift in die Tasten und beschreibt sich im wohl erfolgreichsten Genre der letzten Jahrzehnte: in Kriminalromanen. Die Wirtschaft wird ihrerseits zum Tatort, und ehemalige Angehörige dieses kriminellen Biotops konvertieren, um der Öffentlichkeit nicht mehr nur Fiktionen, sondern die alle Fiktionen übertreffende Realität zu offenbaren, eine Supply-Chain mit unendlichem Rohstoff, übermittelt durch geniale Verkäufer einem Markt, der sich offenbar nicht sattlesen oder -sehen kann an diesen Machenschaften. Das ist die Basis einer hektischen Mass Customization des Grundmotivs, eine Blase, die niemals platzt, zumal die alten Filme und Romane sich nach der Finanzkrise geradezu discountartig, ja ärmlich ausnehmen. Jetzt geht es nicht nur um die eine oder andere Million, um Erpressung von 200 000 Euro oder läppische Auseinandersetzungen im Familien-Clan um die Herrschaft im mittelständischen Unternehmen. Jetzt geht es um Milliarden, gleich um die schöpferische Zerstörung der ganzen Welt. Jetzt endgültig decouvriert sich das kalte Herz der Reichen in seiner finsteren Verworfenheit. Damit liefert die Literatur aufs Neue die Erklärung, warum nicht wir die Reichen sind: Wir haben einen zu guten Charakter.

Wer will dem Nachwuchs seine Skepsis verübeln, Unternehmen zu gründen? Der geht doch lieber den eigenen Weg und schreibt über - mörderische Unternehmensgründer.

HOLGER RUST

ist Professor für Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Arbeit, Wirtschaft und Karriere an der Universität Hannover. Daneben arbeitet er als Publizist und Unternehmensberater vor allem auf den Gebieten der Kommunikationskultur in Unternehmen. Wollen Sie unserem Kolumnisten Ihre Meinung sagen, schreiben Sie eine E-Mail: holger_rust@harvardbusinessmanager.de

Zur Ausgabe
Artikel 20 / 25
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel