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Kolumne Gehen wir zum Chinesen

aus Harvard Business manager 8/2010

Belauschtes Gespräch zweier junger Leute, eines Mannes und einer Frau, die sich überlegen, was sie studieren sollen. Vor sich haben sie allerlei Studien mit Prognosen über die künftige Arbeitswelt ausgebreitet.

Sie: "Ich verstehe das nicht."

Er: "Was denn?"

Sie: "Was nun Sache ist. Hier steht zum Beispiel: Die qualifizierten Arbeitskräfte werden knapp und dass wir uns bald die Unternehmen aussuchen können. Und hier wieder genau das Gegenteil (liest vor): 'Die Arbeitswelt der Zukunft ist von einer großen Schar von (betont das Wort) Portfolio-Workern geprägt, die von einem Projekt zum nächsten wandern und ihre Kompetenz frei auf dem Arbeitsmarkt verkaufen."'

Er: "Was is' das denn - Port was?"

Sie: " folio-Worker. Muss wohl so was sein wie Spargelstecher und Weinleser, die zur Saison zu uns herüberkommen. Nur in edel. Edle Ich-AGs, nehm ich an."

Er: "Verstehe ich nicht. Wenn das stimmt, kann das mit der Knappheit an Hochqualifizierten nicht sein, rein statistisch gesehen. Die Personaler würden sich ja bei den Port äh "

Sie: " folio-Worker! Nun merk's dir endlich mal!"

Er: " bei denen bedienen, oder?"

Sie: "Aber wie sollte das gehen? Ich meine, das kann sich doch kein Unternehmen leisten, Zeitarbeiter (betont das Wort mit leichtem Sarkasmus) mit geheimen Informationen über die nächsten Produkte zu versorgen. Die müssten ja völlig verblödet sein."

Er: "Abgesehen davon: Wir würden das doch gar nicht mitmachen. Das ist ja wie ein besseres Praktikum. Ich meine, wir wollen doch Familien gründen."

Sie: "Wir sollen sogar Familien gründen."

Er: "Ist ja auch notwendig, sonst gibt's bald gar keine jüngeren Arbeitskräfte mehr."

Sie: "Na ja, sie schreiben auch, dass man alle Bildungsreserven aktivieren muss."

Er: "Damit sie später als Port äh folien durch die Welt irren?"

Sie: "Nein, das geht gar nicht. Ich will mein Leben doch etwas längerfristig planen."

Er: "Nachhaltig heißt das heute."

Beide: schweigen eine Weile.

Dann wieder sie (blätternd): "Hier steht, dass die Firmen sich eine Kernbelegschaft halten und alle anderen nur für weniger geheime Projekte zusätzlich auf Zeit engagieren."

Er: "Wie groß ist diese Kernbelegschaft? Das müsste man wissen."

Sie: "Kann ich nicht finden, wie viel Kernbelegschaft ein Unternehmen braucht, um im weltweiten Wettbewerb konkurrenzfähig zu sein. Auch nicht, was die können müssen. Ob das die Ingenieure sind oder die BWLer oder was."

Er: "Bestimmt BWLer. Schwerpunkt Controlling. Gespart wird immer, und außerdem werde ich das studieren."

Sie: "Und wer macht dann die Innovationen?"

Er: "Die kommen aus dem Ausland" (lacht).

Sie (nach einer kurzen Pause): "Weißt du was - ich glaub das ganze Zeug nicht. Die werden uns brauchen, auch wenn sie jetzt meinen, sie könnten uns schon mal die Zeitarbeit schmackhaft machen, um Geld zu sparen. Nicht mit uns."

Er: "Nee, wirklich nicht. Gehen wir zum Chinesen!"

Sie: "Wie meinst du das jetzt?"

Er: "Na ja, essen. Ich hab Hunger."

Sie: "Ach so - ich dachte schon "

HOLGER RUST

ist Professor für Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Arbeit, Wirtschaft und Karriere an der Universität Hannover. Daneben arbeitet er als Publizist und Unternehmensberater vor allem auf den Gebieten der Kommunikationskultur in Unternehmen. Wollen Sie unserem Kolumnisten Ihre Meinung sagen, schreiben Sie eine E-Mail an: holger_rust@harvardbusinessmanager.de

© 2010 Harvard Business Manager

Produktnummer 201008093, siehe Seite 104

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