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Katastrophenhelfer Albrecht Broemme über Zusammenarbeit Zusammenhalt entsteht aus Nähe und Vertrauen

Der Katastrophenhelfer blickt zurück auf 50 Jahre Arbeit mit unterschiedlichsten Rettungsteams. Ein ideales Team hat für ihn maximal zehn Mitglieder und die perfekte Mischung an Fähigkeiten.
aus Harvard Business manager Spezial 1/2021
Albrecht Broemme, Katastrophenhelfer

Albrecht Broemme, Katastrophenhelfer

Foto: Michael Kappeler / dpa / picture alliance

Effiziente Teams zerlegen scheinbar unüberwindliche Probleme in Einzelteile, für die sich dann Lösungen finden lassen. Sie verteilen die Teilaufgaben auf die Experten unter ihren Mitgliedern und widerlegen damit oft das Sprichwort, wonach viele Köche den Brei verderben.

Einem gut eingespielten Kochteam gelingt die bessere Gulaschsuppe: Einer findet das beste Fleisch, ein anderer die besten Zwiebeln, ein Dritter kann beides besonders flink schneiden, der Vierte hat ein Händchen fürs Würzen und so weiter.

Ein ideales Team besteht aus einer überschaubaren Anzahl von Menschen – nicht mehr als zehn – und ist heterogen zusammengesetzt: Neulinge und Erfahrene, Angreifer und Verteidiger, Detailversessene und Generalisten. Dann kann es mehr leisten als die Summe seiner Einzelteile, also der Mitglieder.

Das funktioniert nach der Regel: "Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das schaffen viele." So kommt ein Team schneller und reibungsloser zum Ziel. Das habe ich schon während meiner Ausbildung als 17-jähriger Freiwilliger beim Technischen Hilfswerk (THW) gelernt. In gut funktionierenden Teams stellen sich die Spitzenleister in den Dienst der Gruppe, die dadurch meist über sich hinauswächst.

Im Katastrophenschutz und bei großen Rettungseinsätzen werden die verschiedenen Einsatzgruppen meist koordiniert von einem Stab, der den Überblick hat, strategische Entscheidungen fällt. Dabei ist wichtig, dass mit einer Stimme gesprochen wird. Schlimm sind Stabmitglieder, die nach einer schwierigen Entscheidung ausplaudern: "Ich war dagegen und hätte etwas anderes bevorzugt, wurde aber überstimmt." Solche Inkonsistenzen lähmen die Zentralorgane von Teams: Vertrauen, Verlässlichkeit und einheitliche Kommunikation.

In den 50 Jahren meiner Laufbahn haben mich verschiedenste Teamerlebnisse geprägt. Beim Großbrand eines Hochlagers etwa habe ich mit mehreren Kollegen das Innere des brennenden Gebäudes erkundet. Als wir plötzlich rausmussten, weil das Lager jeden Augenblick zusammenstürzen würde, war der Kollege, der im Regal hochgeklettert war, noch nicht zurück.

Ich wusste: Wenn ich jetzt meinen Posten verlasse, findet er aus dem Rauch und den Flammen nicht mehr allein heraus. Ich habe auf ihn gewartet, wir haben uns gegenseitig geholfen und konnten uns rechtzeitig ins Freie retten. Ein solcher Zusammenhalt entsteht nicht auf Geheiß von oben oder gar von außen, sondern aus der Nähe und der Vertrautheit, die sich in einem eingespielten Team herausbilden.

Zusammenarbeit

Die Mehrheit aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer weltweit erledigt den größten Teil ihrer Tätigkeit in Teams. Dabei kann Großes entstehen oder es scheitert an den kleinsten Dingen. Gutes Teamwork ist kein Selbstzweck, sondern ein fragiles Konstrukt, um das man sich kümmern muss.

Wir haben alles Wichtige für Sie zu diesem Thema zusammengestellt.

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Als 2010 das starke Erdbeben Haiti erschütterte, mussten wir viele kleine Schritte gehen. Auch das macht ein gutes Team aus: Man bleibt beharrlich, entwickelt unterwegs die nötige Ausdauer und gibt auch bei schwierigen Hindernissen nicht auf. Rund 200.000 Tote waren damals zu beklagen.

Ein großes Problem zu Beginn des Einsatzes war der zerstörte Flughafen, der von der US-Luftwaffe gemanagt wurde. Wir konnten kaum Einsatzkräfte, schweres Räumgerät, Wasseraufbereitungsanlagen oder Notfallkrankenhäuser in den Karibikstaat bringen. Anfangs haben sich die Leiter der internationalen Hilfsorganisationen täglich im Garten des deutschen Botschafters getroffen und dann ein immer besser funktionierendes System der Kooperation entwickelt. Wenn sich verschiedene Teams gut koordinieren und offen austauschen, kann man auch bei komplexen Problemen gute Lösungen finden – das hat mir diese Katastrophe gezeigt.

Spezial 2021

Die Kraft des Wir

Zusammenarbeit: Wie Teams gemeinsam Großes schaffen

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Dieser Artikel erschien im Spezial 2021 des Harvard Business managers.

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