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Der beste Rat, den ich je bekommen habe "Die reine akademische Lehre findet meist kaum Gehör"

Nehmen Chefinnen und Chefs selbst Ratschläge an? Und was macht einen guten Rat eigentlich aus? Wir haben uns in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft umgehört. Monika Schnitzer, Mitglied im Sachverständigenrat der "Wirtschaftsweisen", hat gelernt, Ratschläge möglichst gut auf die Empfänger abzustimmen.
aus Harvard Business manager Spezial 1/2022
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Jan Roeder

Am stärksten beeinflusst hat mich nicht der Rat eines einzelnen Gegenübers, sondern eine gelebte Haltung, an der ich mich orientieren konnte: Im Jahr 1992 plante ich als Research Fellow am Massachusetts Institute of Technology und an der Boston University meine weitere wissenschaftliche Laufbahn. Dabei beschäftigte mich auch die Frage: Konnte ich als ambitionierte Wissenschaftlerin zugleich eine Familie haben?

In Deutschland waren solche Doppelrollen für Frauen im Wissenschaftsbetrieb damals nahezu ausgeschlossen. Meine langjährige Mentorin an der Uni Köln war kinderlos geblieben und hatte ihren Schülerinnen, die ebenfalls eine akademische Karriere einschlagen wollten, davon abgeraten, beides anzustreben: Karriere und Familie. Sie gehörte eben noch zur Nachkriegsgeneration und hatte wenig Illusionen, dass sich in der Wissenschaft eine neue Frauenrolle herausbilden könnte.

Die Botschaft, die mir im akademischen Umfeld der US-Ostküste vermittelt wurde, war jedoch eine ganz andere: "Nur weil andere etwas noch nicht gemacht haben, heißt es nicht, dass du das nicht machen kannst!" Ich habe diesen indirekten Rat angenommen, in jenem Jahr meinen Mann geheiratet und zugleich meine Habilitation angepackt.

Beim Erteilen von Rat habe ich in meinen vielen Jahren als Hochschullehrerin und Politikberaterin die Erfahrung gemacht, dass man die institutionellen Zusammenhänge der Adressaten, die Entscheidungsprozesse, in denen sie stehen, möglichst genau kennen sollte. Sonst läuft man Gefahr, dass die Beratenen wenig mit dem Ratschlag anfangen können. Gleichzeitig muss man persistent sein, wenn man von einem Rat wirklich überzeugt ist.

Die praktische Umsetzung des bisher wirkmächtigsten Ratschlags, an dem ich beteiligt war, hat besonders lange gedauert: Vor meiner Zeit beim Sachverständigenrat der "Wirtschaftsweisen" war ich acht Jahre lang Mitglied der Expertenkommission für Forschung und Innovation. Dort haben wir wiederholt eine steuerliche Förderung für jene Firmen gefordert, die in Forschung und Entwicklung investieren – über die Absetzbarkeit der anfallenden Kosten hinaus. In vielen technologisch führenden Ländern ist dies längst üblich, im Wettbewerb mit diesen gerieten unsere deutschen Unternehmen ins Hintertreffen.

Immer wieder haben wir durch Studien darauf hingewiesen und konkrete Vorschläge entwickelt, bis dieser Rat zur Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit deutscher Innovationen von der Bundesregierung endlich umgesetzt wurde. Das war, denke ich, ein großer Schritt nach vorn, der jedoch sorgfältig und umfassend vorbereitet werden musste.

Generell lässt sich sagen: In der Politikberatung trägt die reine akademisch Lehre meist nicht weit. Wer sich darauf beschränkt, findet kaum Gehör. Man muss sie auf die konkrete Problemstellung übertragen und sich auf die institutionellen Details der Adressaten einlassen, sonst erzielt man wenig Wirkung. © HBm 2022

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Dieser Artikel erschien im Spezial 2022 des Harvard Business managers.

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