Antonia Götsch

Lead Forward Wie faul sind Ihre Kollegen wirklich?

Ärgern Sie sich über den jungen Kollegen, der keine Minute länger bleibt als er muss? Sind Sie gernevt von Ihrer cholerischen Chefin? Bei unseren Urteilen fallen wir oft auf eine kognitive Verzerrung herein, die Konflikte anheizt.

Als ich diesen Absatz in einem unserer Artikel las, fühlte ich mich ertappt: Wir alle neigten dazu anzunehmen, das Verhalten einer anderen Person habe vor allem mit ihrer Persönlichkeit zu tun. Die Kollegin, die morgens eine Stunde später als alle anderen anfängt? War schon immer etwas faul. Der junge Kollege, der sich nach den Pandemiejahren erschöpft fühlt und um eine Auszeit bittet? Weichei, typisch für diese Generation. Die Kollegin, die uns anbrüllt? Cholerikerin.

Mit 20 Jahren unterschätzt, mit 50 Jahren aussortiert.

Vier Generationen zusammen führen - wie Boomers, X, Y und Z gemeinsam zum Unternehmenserfolg beitragen - dies ist das Thema unseres nächsten Events in Kooperation mit dem St. Gallen Symposium am 22. September 2022 um 17 Uhr.

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Oft genug fallen wir bei solchen Urteilen auf eine kognitive Verzerrung herein, die als fundamentaler Attributionsfehler bezeichnet wird. Wir bilden uns sofort ein Urteil, wie eine Person ist. Wir fokussieren uns auf die Persönlichkeit anstatt auf die Lebensumstände, ziehen eine Schublade auf und stopfen unser Gegenüber hinein. Das hilft unserem Gehirn beim Sortieren in Kategorien wie Freund oder Fressfeind, zeigt aber oft nur einen kleinen Teil der Wahrheit.

Ist es möglich, dass ich falsch liege?

Vielleicht kauft die Kollegin, die morgens etwas später anfängt, morgens für ihren Vater ein (und arbeitet abends eine Stunde länger). Vielleicht hat der erschöpfte Kollege nicht nur ihren Stress im Job, sondern auch Sorge um kranke Familienmitglieder. Vielleicht steht die "cholerische Mitarbeiterin" gerade wahnsinnig unter Druck, weil ihr Projekt im Vorstand zu scheitern droht.

Interessanterweise urteilen wir in der Regel genau andersherum, wenn es um uns selbst geht. Wir führen es auf die äußeren Umstände zurück, wenn wir eine Aufgabe zu spät erledigen, gereizt reagieren oder scheitern. Folgende Leitfragen aus dem Text unserer Autorin Amy Gallo  können helfen, vorschnelle Urteile zu vermeiden:

  • Ist es möglich, dass ich mit meiner Annahme falschliege?

  • Wie stelle ich mir die Situation vor, in der meine Kollegin oder mein Kollege steckt? Was unterstelle ich womöglich?

  • Wie habe ich womöglich selbst zu dem Problem beigetragen?

  • Vom Alter, der Generation oder Persönlichkeit abgesehen: Was könnte das Verhalten meines Gegenübers noch erklären?

Fragen Sie am besten ganz offen nach. Es ist mir selbst schon oft passiert, dass nach einem solchen Gespräch die ganze Luft raus war aus meinem Ärger – weil die Situation ganz anders war als ich angenommen hatte. Mit kühlem Kopf und weniger eigenen Interpretationen – das ist jedenfalls meine eigene Erfahrung – lassen sich die meisten Konflikte lösen.

Gemeinsam lernen: Haben Sie sich schon kostenlos angemeldet zu unserem Live-Event Open House? Wir wollten mit unseren Gästen und Ihnen diskutieren, wie sich Konflikte zwischen Generationen lösen lassen und lernen, wie Führungskräfte Boomer und Millenials zu einem schlagkräftigen Team zusammenführen. Mit dabei: Jennifer Jordan, die zu Macht, Ethik und Leadership forscht, sowie Rachele Focardi, Autorin des Buchs "Reframing Generational Stereotypes”. Das Event findet dieses Mal in Kooperation mit dem St. Gallen Symposium statt, am 22. September 2022 um 17 Uhr. Ich hoffe, wir sehen uns. Jetzt anmelden!

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