Antonia Götsch

Lead Forward Wie forme ich ein Team, das über sich hinauswächst?

Um ihr Team zu Höchstleistungen zu motivieren, versuchen viele Führungskräfte möglichst an möglichst vielen Schrauben zu drehen. Und gehen damit genau den falschen Weg. Was Sie von der Bundestrainerin lernen können.

Der Moment, in dem die Spielerinnen der deutschen Nationalelf weinend vom Platz gingen, beschäftigte mich noch am nächsten Morgen. Einerseits konnte ich nicht anders, als die Enttäuschung und Traurigkeit mitzufühlen. Anderseits fragte ich mich: Wie großartig und erhebend muss es sich anfühlen, als Team ein gemeinsames Ziel so sehr zu wollen – und so daran zu glauben, dass man über seine eigenen Leistungsgrenzen hinauswächst? "Wir standen hier im Finale, was uns keiner zugetraut hat, was wir uns vielleicht auch selbst nicht zugetraut haben", sagt Spielerin und Finaltorschützin Lina Magull. "Aber wir haben uns das so hart erarbeitet."

Aus Sicht einer Führungskraft ist das vielleicht einer der interessantesten Aspekte dieser EM: Wie schaffe ich es, ein Team zu formen, das über sich hinauswächst und Ziele erreicht, die jedem einzelnen Mitglied vorab als zu groß erschienen wären? Während der Halbzeit diskutierte ich mit meiner Frau (ehemalige Leistungssportlerin und Sportjournalistin, daher fachliche Instanz unserer Familie), wie sehr sich die Trainerin Martina Voss-Tecklenburg und mit ihr das gesamte Team gewandelt haben.

Man könnte diese Reise pointiert wie folgt zusammenfassen: Von der autoritären Commanderin zur Teamplayerin. Voss-Tecklenburg hat selbst in Interviews erzählt, dass sie früher eher top-down geführt habe. Sie entschied und kontrollierte vieles selbst. Nun delegierte sie Aufgaben bewusst ins Team. Sie band Spielerinnen und den gesamten Stab viel stärker ein. Sie ließ Fachkolleginnen und Kollegen zum Beispiel eigenverantwortlich übers Athletiktraining entscheiden. Symbolkräftig für diese Entwicklung ist das Bild, wie Voss-Tecklenburg nach dem Halbfinale das gesamte Team hinter dem Team zum Foto auf den Rasen zusammentrommelte.

Nicht einzelne Spielerinnen, nicht die Trainerin: Das Team war der Star dieser EM. Und genau darin lag das Erfolgsgeheimnis. In einem unserer Lieblingstexte  der Redaktion nahm Autor Marcus Buckingham bereits vor zwei Jahren unter die Lupe, wie Führungskräfte ein Spitzenteam formen. Drei von fünf Punkten will ich hier herausgreifen:

  1. Schaffen Sie eine Vertrauensbasis

Buckingham befragte für seine Studie 19.000 Menschen weltweit. Die Daten zeigten, dass leistungsstarke und leistungsschwache Teams sich vor allem in einem Punkt voneinander unterscheiden: im Vertrauen zu ihrer Führungskraft. Teammitglieder hatten ein hohes Maß an Vertrauen zu ihrer Teamleitung, wenn sie zwei Aussagen voll zustimmten: "Ich weiß genau, was an meinem Arbeitsplatz von mir erwartet wird" und "Ich kann bei meiner Arbeit jeden Tag meine Stärken einsetzen". Am besten ließ sich Vertrauen übrigens über ein simples Mittel verbessern: Regelmäßige Vieraugengespräche zwischen Führungskraft und Teammitglied.

  1. Lassen Sie Teams gemeinsam lernen

Über die Frauenfußballmannschaft war zu lesen, dass sich nicht nur die Bundestrainern zwischen den Spielen mit Taktik und Aufstellung beschäftigte, sondern auch das Team selbst. Genau richtig, denn keine Weiterbildung ist erfolgreicher als eine Maßnahme, in der Teams gemeinsam lernen, die Stärken der jeweiligen Mitglieder zu nutzen und individuelle Erfolgsstrategien zu entwickeln. Hier ist der Sport übrigens generell einen Schritt weiter als Unternehmen. Jedes Fußballteam entwickelt anhand der Fähigkeiten (und Schwächen) der Spielerinnen und nach Analyse der Gegnerinnen individuelle Strategien, um ans Ziel zu kommen. In Unternehmen jedoch bekommt jedes Team in der Regel dieselben Schulungen, Methoden und Strategien an die Hand.

  1. Stellen Sie das Teamerlebnis in den Mittelpunkt

Kaum etwas war deutlicher bei dieser EM: In den Pressekonferenzen und Interviews standen nicht Voss-Tecklenburg oder die Top-Spielerinnen im Mittelpunkt, sondern das Team. Jede Einzelne zeigte sich bescheiden und versuchte immer auch, den anderen Spielerinnen eine Bühne zu geben und deren Leistungen zu wertschätzen. Studien zeigen auch für Unternehmen: Kein Genie kann so wertvoll sein wie ein funktionierendes Team. Google zeigte das mit seinem Aristoteles-Projekt. Der Tech-Konzern untersuchte über mehrere Jahre und mit großem Aufwand die Leistung von 180 Teams. Das Ergebnis: Es waren nicht jene herausragend, in denen besonders viele brillante Entwicklerinnen oder Datencracks saßen. Sondern die Teams, in denen sich jeder sicher fühlte und jedes Mitglied seine Rolle hatte.

Haben Sie das Finale angesehen? Was haben Sie mitgenommen aus dieser EM?

PS: Wenn Sie ein Abo haben, empfehle ich Ihnen unbedingt den gesamten Text von Marcus Buckingham  zu lesen. Ich habe viele Ideen mitgenommen. Falls Sie noch nicht dabei sind, können Sie für 0,99 Euro einen Monat lang testen (lesen Sie Buckinghams Text Lieben Sie Ihre Arbeit?  am besten gleich mit).

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.