Antonia Götsch

Lead Forward Die Flip Flop-Frage

Kleider senden eine Botschaft – ob wir es wollen oder nicht. Wenn der Kanzler im Kurzarmhemd auf Staatsbesuch geht, tobt das Internet. Ob Flip Flops das passende Schuhwerk fürs Büro sind, daran scheiden sich die Geister.

Neulich wählte ich morgens das falsche Outfit. Einen dünnen Kaschmirpulli und darunter ein ärmelloses Tanktop, da ich nicht plante, den Pulli auszuziehen. Ab 10 Uhr wurde es heiß im Großraumbüro, ab 11 Uhr saß ich mit hochrotem Kopf da. Um 14 Uhr beschloss ich japsend, meine Zweifel über das unpassende Outfit über Bord zu werfen. Ich zog den Pulli aus und arbeitete im Tanktop weiter. Als eine Kollegin per Videochat anrief, war ihre erste Reaktion: "Huch, um Gottes Willen. So viel Haut."

Kleider haben eine Wirkung und senden eine Botschaft – ob wir es wollen oder nicht. Wenn der Kanzler im Kurzarmhemd auf Staatsbesuch geht, tobt das Internet. Vielleicht wollte Olaf Scholz mit seinem Outfit Bodenständigkeit demonstrieren. Vielleicht hat er sich auch gedacht, Kurzarmhemd ist besser als Schweißflecken. Nach der Reaktion meiner Kollegin bin ich da jedoch nicht mehr so sicher, ob ich die richtige Botschaft gesendet habe.

Keiner will mehr Krawatte tragen

Lange oder kurze Hose im Büro? Schultern bedeckt oder frei? Was okay ist und was nicht, beantworten Menschen extrem unterschiedlich. Die Pandemie hat viele Grenzen nochmal verschoben. Laut einer Studie können sich nur noch 2 Prozent aller deutschen Angestellten vorstellen, wieder regelmäßig eine Krawatte zu tragen.

Wenn Regeln sich ändern und Grenzen fließender werden, wächst Raum für Fehltritte und Konflikte. Ein Unternehmer erzählte mir einmal erschüttert und wütend, dass einige seiner Mitarbeiter in Flip-Flops zur Arbeit kamen. Er empfand das als absolute Frechheit.

Ich befragte ihn, warum ihn das so ärgerte. Es stellte sich heraus: Respekt war ein hoher Wert für diesen Mann - er verknüpfte diesen auch mit seinen Erwartungen an die Kleidung, die alle in seinem Unternehmen trugen. "Wir haben Respekt sogar in unseren Unternehmenswerten festgehalten", sagte er. Ich antwortete, dass Respekt auch einer meiner höchsten Werte sei, ich dabei aber eher an den Umgangston miteinander denke und eigentlich gar nicht ans Schuhwerk. Vielleicht ging es einigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ähnlich.

Erwartungen klar aussprechen

Ich glaube, genau hier liegt der Knackpunkt. Wir müssen unsere Erwartungen konkret formulieren – und bei anderen abfragen. Nur zu behaupten, man brauche förmliche Kleidung, um sich zu engagieren, dürfte seit der Pandemie nicht mehr ziehen. Viele Mitarbeitende haben gezeigt, dass sie im Freizeitoutfit Leistung bringen - Studien belegen diesen Eindruck.

Angenommen Sie führen wie der Unternehmer ein Team, dann ist es wenig hilfreich, ihre Wut mit sich herumzutragen oder Plastiktreter polternd zu verbieten. Stattdessen sollten Sie klarmachen, warum ein bestimmter Kleidungsstil fürs Unternehmen wichtig ist. Zum Beispiel so: "Für mich bedeutet Respekt gegenüber unseren Kunden, dass wir Ledersandalen oder geschlossene Schuhe tragen." Oder, noch besser: "Ich fürchte, wenn du in Flip-Flops erscheinst, denkt unser Kunde, dass wir nicht ernsthaft bei der Sache sind. Ist dir aufgefallen, dass er immer ein langes Hemd und geschlossene Schuhe trägt?" Da würde ich jedenfalls sofort nachvollziehen können, was Respekt bei meinem Chef mit Flip-Flops zu tun hat.

Meine Erfahrung: Vermeintlich sinnlose Regeln werden leicht verletzt, Werte und nachvollziehbare Erklärungen eher respektiert.

Welches Büro-Outfit finden Sie angemessen? Und hat sich etwas geändert während der Pandemie?

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