Antonia Götsch

Newsletter Lead Forward Welche Art von Verlierer wollen Sie sein?

Fail better, fail forward. Scheitern wird inzwischen wie ein Mantra beschworen, vor allem in der Start-up-Szene. Das ist gut. Worüber wir aber zu selten sprechen: wie es sich anfühlt. Trauer, Scham und Schmerz lassen nicht einfach überspringen.

Ein Freund von mir gründete vor einigen Jahren ein Medienunternehmen namens "Fail Better Media" , das ein innovatives Digitalmagazin auf den Markt brachte. Nach 229 Tagen mussten sie dem Magazin den Stecker ziehen. Georg flog nach Kroatien, "Wunden lecken", wie er später schrieb. "Und diese zwei apokalyptisch-ekstatischen Jahre Revue passieren lassen, in denen wir ein Start-up erdacht, gegründet, in den Markt geführt und mit einem Haufen Schulden wieder auf Eis gelegt hatten."

"Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.”

Dieses Zitat des irischen Schriftstellers Samuel Beckett habe ich auf Dutzenden Gründerevents gehört, auf Postkarten, T-Shirts und Tassen gelesen. Start-ups haben uns gezeigt, wie wichtig es ist, zu scheitern. Bei Events wie den Fuck-up Nights kommen Menschen zusammen und berichten über ihre größten Niederlagen. Das ist gut und ein wichtiger Schritt – aber ein Aspekt kommt mir dabei oft zu kurz.

Wir machen uns selten bewusst, wie es sich anfühlt, zu scheitern. Es tut weh. Viel heftiger als mein Freund Georg geahnt hatte, als er sein Start-up "Fail Better" taufte. Wir erleben Gefühle wie Trauer, Scham und Angst – und können den Schmerz nicht einfach überspringen.

Wir ruinieren mit der Krise im Job unsere Gesundheit, unsere Ehe oder eine Freundschaft. Wir stehen nicht mehr im Rampenlicht, sondern schuften im Maschinenraum, um den Bankkredit abzuzahlen, so wie es Georg und sein Mitgründer vier Jahre lang taten. Darüber täuschen schmissige TED-Talks manchmal hinweg.

Nicht immer, wenn wir verlieren, stehen wir am Ende auf einer Bühne und werden für unseren Wiederaufstieg gefeiert. Darüber haben wir in der aktuellen Folge unseres Podcasts mit Tim Leberecht gesprochen, Autor des Buches "Gegen die Diktatur der Gewinner". Er wurde selbst als Topmanager gekündigt - und verschwieg das anfangs meist in Gesprächen.

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"Verlieren kann auch quälend langsam sein, schmerzhaft und teuer", sagt er. Als Führungskraft, Team oder Organisation können wir dieser Art von Scheitern Raum geben - und den damit verbundenen Emotionen. Zuhören, wenn ein Kollege trauert. Aushalten, wenn jemand nicht gleich wieder auf die Beine kommt. Als Team über den Frust sprechen, den ein abgesetztes Projekt hinterlässt.

An einem guten, menschlichen Arbeitsplatz sollte man mal weinen können, sagt Tim Leberecht - und ich stimme ihm zu. Wir schaffen damit psychologische Sicherheit, die uns am Ende als Team und als Menschen besser macht. Oder, wie Leberecht es auch in seinem eigenen Text für den Harvard Business manager formuliert hat: "Wir müssen Arbeitsumfelder schaffen, in denen man verlieren kann, ohne gleich als Versager zu gelten."

Georg und sein Mitgründer haben sich dieses Arbeitsumfeld übrigens erhalten: Ihre Freundschaft hat das Scheitern überlebt, gemeinsam haben sie Fail Better Media wieder auf die Füße gestellt.

Tipp: Sie können den Podcast bei uns auf der Seite anhören. Oder, wenn Sie keine Folge verpassen wollen: Abonnieren Sie Team A - der ehrliche Führungspodcast auf Apple Podcast  oder Spotify.  Ich freue mich auf über eine Empfehlung oder gute Bewertung, wenn Ihnen die Inhalte gefallen.