Antonia Götsch

Lead Forward Wie großzügig gehen Sie mit anderen um?

Passanten, die sich anbrüllen. Passagiere, die ihren Frust beim Personal abladen. Die Menschen sind dünnhäutig geworden, angesichts der enormen Veränderungen in unserem Leben. Wir können diese Herausforderung nur gemeinsam anpacken.

"Ich kann meinen Job derzeit nicht so machen, wie ich ihn liebe", sagte mir Ben, der Lieblingserzieher meines Sohnes. "Ich versuche drei Kolleginnen irgendwie zu ersetzen. Und dann werde ich noch angeschrien von Eltern, bei denen die Nerven blank liegen."

In unserer Kita entscheidet sich derzeit jede Woche neu, ob die Kinder tatsächlich normal betreut werden können oder nur an einigen Tagen, weil so viele Mitarbeitende langfristig erkrankt sind, andere mit Corona zu Hause sitzen und sich keine neuen Fachkräfte finden. Auch in meinem Job gibt es gleichzeitig jede Menge zu tun – während immer wieder Kolleginnen und Kollegen krank ausfallen.

Ben und ich kamen in unserem Gespräch auf ein übereinstimmendes Fazit. Trotz sommerlicher Temperaturen und der Freude darüber, Freunde zu treffen und wieder mehr unternehmen zu können, fühlten wir uns erschöpft. Erschöpfte Menschen, in einem erschöpften Team, in einer erschöpften Gesellschaft.

Ein dünnhäutiger Sommer

Ich beobachte viel Dünnhäutigkeit in diesem Sommer. Passanten, die sich anbrüllen, wegen vermeintlichen Fehlverhaltens. Passagiere, die ihren Frust beim Schaffner abladen. Im Spiegel las ich ein Gespräch mit der Seelsorgerin am Frankfurter Flughafen, die versucht, aufgelöste Reisende zu beruhigen und ihnen zu helfen. Sie versucht immer auch daran zu erinnern, dass hinter jedem Schalter ein Mensch sitzt.

Und vielleicht möchte ich heute gar nicht viel mehr, als Sie und mich selbst daran zu erinnern, dass wir mit unseren spontanen Emotionen oft die Falschen treffen. Die alleinerziehende Mutter, die am Flughafen hinter dem Schalter arbeitet. Den Erzieher, der gerade den Job von drei Leuten stemmt.

Amy Edmonson, Vordenkerin an der Harvard Business School, sagte in einem klugen Interview  bereits vor einem Jahr: "Ich plädiere sehr dafür, diesen Neustart als eine gemeinsame Aufgabe zu betrachten. Einer allein kann diese Situation nicht zufriedenstellend lösen. Dazu ist die Herausforderung viel zu groß."

Damals habe ich intellektuell verstanden, was sie sagte. Heute fühle ich, wie wichtig ihre Worte waren und sind. Es gibt keine Chefin, keinen einzelnen Politiker, der uns den Weg durch die großen Veränderungen weist und fertige Lösungen präsentieren wird. Es geht nur gemeinsam – mit Mitgefühl und Offenheit.

"Wir werden Lösungsansätze entwickeln, die wir wieder verwerfen. Wir werden mehrfach neu ansetzen müssen. Wir werden Dinge sagen, die sich hinterher als falsch herausstellen oder eine andere Wirkung erzeugen als beabsichtigt", sagte Edmondson. "Wir müssen lernen, großzügiger miteinander umzugehen und uns gegenseitig mehr Spielraum zu geben."

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Antonia Götsch, Chefredakteurin des Harvard Business managers, teilt Wissen aus den besten Managementhochschulen der Welt und ihre eigenen Erfahrungen mit Ihnen. Einmal die Woche direkt in Ihr E-Mail-Postfach. 

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Wenn Sie in den nächsten Wochen genervt am Flughafen sitzen, sich über einen Kollegen ärgern oder versuchen, einen Plan B für die Kinderbetreuung zu entwickeln: Versuchen Sie daran zu denken: Es geht nicht um Leben und Tod. Versuchen Sie Ihrem Gegenüber großzügig zu begegnen.

Tipp: Wenn Sie auch in Ihrem Team Ermüdung wahrnehmen, empfehle ich Ihnen den Text "Wie Sie ein erschöpftes Team führen " mit vielen praktischen Ideen, die Sie sofort umsetzen können.

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