Antonia Götsch

Newsletter Lead Forward Sollten wir im Büro über Politik reden?

Viele politische Fragen lassen sich kaum von unserem Alltag im Unternehmen trennen. Wir sollten eine Sprache und eine Haltung finden, um diese Diskussionen im Team zu moderieren.

Stellen Sie sich vor, ein Bewerber um die Top-Position in Ihrem Unternehmen, redet im Interview alle anderen schlecht, anstatt über sich selbst und die eigenen Stärken zu sprechen: "Herr Müller wird dieses Unternehmen in den Ruin treiben."; "Frau Meier ist radikal und wird Fleisch vom Speiseplan der Kantine streichen." Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommentieren den Auswahl-Prozess mit hämischen Nachrichten im Intranet – und fallen dabei übereinander her. Ein solches Szenario erscheint mir schlicht absurd.

Sie ahnen es. Der Wahlkampf und seine Rezeption in den sozialen Medien lösen bei mir gemischte Gefühle aus. Dabei bin ich überzeugt, wir sollten in der Gesellschaft und im Büro durchaus über Politik sprechen. Die Frage ist nur: Wie? Wie streiten wir, ohne zu spalten und auszugrenzen?

Sich abgrenzen, ohne abzuwerten

Vergangene Woche habe ich darüber mit Joe Kaeser gesprochen, einem der erfahrensten Dax-Manager und Aufsichtsratsvorsitzenden von Siemens Energy. Ich wollte von ihm wissen: Wie politisch dürfen und sollten Führungskräfte sein? Eine heikle Frage. Einerseits erfordern Herausforderungen wie die Klimaerwärmung Taten. Anderseits ist es schwierig, wenn Führungskräfte hitzige Debatten abwürgen und eine klare Grenzübertretung, seinem Team eine Meinung vorzugeben. (Hier geht es direkt zum spannenden Podcast-Gespräch mit Joe Kaeser).

Was mich beeindruckt hat: Kaeser war einerseits sehr deutlich in seiner Kritik und seinen politischen Aussagen. Er sprach diese Kritik jedoch ausgewogen, fast moderierend an. Er griff Haltungen und Aussagen an, keine Personen.

Vielleicht ist mir das so deutlich aufgefallen, weil ich diese Haltung im Wahlkampf bei vielen Politikern und Zuschauern vermisse. Klar zu sein, ohne einen anderen Menschen zu beleidigen. Sich abzugrenzen, ohne sein Gegenüber zu verhöhnen. Diese kommunikativen Qualitäten ebnen den Boden für einen konstruktiven Streit – wir sollten sie schützen.

Viele politische Fragen lassen sich kaum von unserem Alltag im Unternehmen trennen. Vielleicht müssen wir mit unserem Team nicht über Spitzensteuersätze diskutieren - über Lastenräder als Alternative zu Dienstwagen, Gender-Fragen und Currywurst in der Kantine hingegen schon. Von daher finde ich es wichtig, dass wir die Aufgabe annehmen, solche Diskussionen zu moderieren. Wir sollten unsere Mitarbeiter ermutigen, mit Unterschieden umzugehen, einander zu respektieren und zuzuhören. Das beginnt mit unserer eigenen Sprache.

Wie sprechen Sie mit Ihrem Team über Politik?