Felix Kretz

Lead Forward Pizza à la Chef oder: simple Mathematik

Wie Führungskräfte auf Fehler reagieren, kann die Zusammenarbeit im Team langfristig beeinflussen. Statt loszupoltern hilft eine andere Strategie.

Wir standen zusammen im Büro, etwas erschöpft, etwas verärgert, Frust im Bauch. Gerade hatten wir uns bei der Geschäftsführung eine blutige Nase geholt. Wir hatten enorm viel Arbeit und Recherche in einen Gastbeitrag gesteckt, den die Geschäftsführung leider nicht so interessant und gut fand wie wir. In diesem Moment erzählte mir mein Vorgesetzter, der Chef der Presseabteilung, in der ich damals arbeitete, eine Geschichte, die ich bis heute nicht vergessen habe.

Sein Sohn, er war wohl in der 9. oder 10. Klasse, kam einen Nachmittag bedrückt nach Hause, weil er in einer Mathearbeit eine 5 kassiert hatte. Er stand sowieso schon nicht so gut in Mathematik. Das wochenlange Lernen für diese Arbeit hatte sich nicht ausgezahlt. Anstatt aber Arbeit und Leistung zu kommentieren, meinte mein Chef zu seinem Sohn: "Komm', wir gehen jetzt aus. Es ist ein schöner Tag, ich lade dich ein." Sie machten sich auf den Weg in ihre Lieblingspizzeria. Den ganzen Abend wurde nicht über die Klausur oder Mathematik generell gesprochen. Sie redeten über alles Mögliche, nur dieses Thema klammerte mein Kollege bewusst aus. Erst am nächsten Tag sah er sich mit seinem Sohn dessen Mathearbeit genauer an und organisierte einen Nachhilfelehrer.

Ich fand dieses Vorgehen vorbildlich. Denn jeder von uns, der schon einmal hart für etwas gearbeitet und trotzdem einen Misserfolg erlebt hat, weiß, wie sich das anfühlt. Die Emotionen kochen hoch, es ist kaum noch möglich, mit kühlem Kopf zu entscheiden – geschweige denn, eine kluge Lösung zu finden.

Auch Jahre später, während ich mittlerweile mein eigenes Team leite, denke ich immer wieder an meinen Chef und seinen Sohn. Wenn ich kurz davor bin, ein Donnerwetter loszulassen, halte ich mich zurück und sage mir: "Denk nach. Wird deine wütende Botschaft dazu beitragen, dass die Situation besser wird, oder wird sie genau das Gegenteil hervorrufen und das Problem noch verschlimmern?"

Und jedes Mal denke ich: Nein, lieber einen positiven Anreiz ansetzen und versuchen, die Emotionen etwas abkühlen zu lassen. Danach können wir die Problemlösung angehen. Sind wir ehrlich: Bei vielen Problemen können wir uns einen Aufschub leisten. Fragen Sie zum Beispiel, wenn alle gestresst sind, wer im Team Lust hätte, die Karten fürs nächste St. Pauli Spiel zu holen – das sorgt auf jeden Fall für Ablenkung (und gute Laune).

Meine Erfahrung: Ein solcher Puffer, wie immer er aussieht, kann wahre Wunder wirken. Denn im Stress entwickeln wir meist einen Tunnelblick. Einen Moment zur Seite zu treten, macht die Diskussion nicht nur sachlicher. Wir gewinnen oft sogar eine neue Perspektive, wenn wir unser Gehirn zwingen, sich kognitiv mit etwas anderem zu beschäftigen. Und das kann zu erheblich besseren Lösungen führen.

Übrigens: Der Sohn meines ehemaligen Chefs ist heute Wirtschaftsprüfer. Wenn ein kleines Ablenkungsmanöver Mathematik doch noch so attraktiv machen kann, ist es auf jeden Fall einen Versuch wert – egal in welcher Problemlage.

PS: Dieser Newsletter wurde diese Woche von Gastautor Felix Kretz geschrieben und aufgezeichnet von Jasmin Richter. Kretz leitet die Kommunikationsabteilung des Leibniz-Institutes für Finanzmarktforschung SAFE in Frankfurt am Main. Er liest den Newsletter Lead Forward seit 2020.