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Der beste Rat, den ich je bekommen habe "Stell dich der Realität"

Nehmen Chefinnen und Chefs selbst Ratschläge an? Und was macht einen guten Rat eigentlich aus? Wir haben uns in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft umgehört. Digitalexperte Philipp Westermeyer hörte auf seinen ehemaligen Chef und sagte ein Event trotz hoher Kosten ab.
aus Harvard Business manager Spezial 1/2022
Philipp Westermeyer befolgte den Rat seines Mentors und sagte das OMR-Festival 2020 frühzeitig ab.

Philipp Westermeyer befolgte den Rat seines Mentors und sagte das OMR-Festival 2020 frühzeitig ab.

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Dirk Bruniecki

Harvard Business manager: Herr Westermeyer, wann haben Sie zuletzt einen richtig guten Rat erhalten?

Philipp Westermeyer: Das ist noch gar nicht lange her. Als sich im März 2020 die Anzeichen einer Pandemie verdichteten, die auch in Deutschland das öffentliche wie das Wirtschaftsleben massiv einschränken würde, stand ich vor der schweren Entscheidung, das jährliche OMR-Festival in Hamburg abzusagen. Das sollte keine zwei Monate später stattfinden und rund 50 Prozent unseres jährlichen Geschäftvolumens ausmachen. Ich beriet mich darüber mit Bernd Kundrun, dem ehemaligen Chef des Hamburger Zeitschriftenverlags Gruner + Jahr, dessen Assistent ich von 2005 bis 2007 war. Er riet mir, mich der Realität zu stellen und das Festival in Anbetracht des heranrollenden Corona-Tsunamis abzusagen. Ich bin dem Rat dieses erfahrenen Geschäftsmanns schweren Herzens gefolgt, obwohl damit erhebliche Kosten verbunden waren und die Zukunft unseres Unternehmens aufs Spiel gesetzt wurde.

Das war sicher nicht leicht. Erinnern Sie die Argumente, womöglich gar die Worte, mit denen Sie Ihr ehemaliger Chef überzeugen konnte?

Es waren keine echten Argumente, dafür wusste man im März 2020 noch zu wenig über die konkreten Auswirkungen der Corona-Pandemie. Bernd Kundrun hat mir eher ins Gewissen geredet im Stil von "Fahr deinen Karren nicht sehenden Auges an die Wand!" Außerdem vermittelte er Zuversicht: "Vertraue darauf, dass etwas Neues passiert. Das kannst du dann wieder in deinem Sinn gestalten."

Welchen Effekt hatte es, dass Sie den Rat befolgt und das OMR-Festival im Mai 2020 abgesagt haben?

Wir konnten bis zu einem gewissen Grad selbst bestimmen, wie wir in jenem Frühjahr die Segel streichen. Wir wurden somit zwar Opfer der höheren Gewalt, die von einer Pandemie ausgeht, aber nicht von behördlichen Anordnungen. Diesen Rest von Souveränität konnten wir nutzen, um unser Geschäft im vergangenen Jahr massiv weiterzuentwickeln, uns weniger abhängig zu machen von einer einzelnen Großveranstaltung.

Welche Rahmenbedingungen machen es leicht, einen Rat zu befolgen?

Hilfreich ist in jedem Fall ein Vertrauensverhältnis, eine persönliche Nähe. Der Rat sollte nicht als Handlungsanweisung gegeben werden, sondern einen Resonanzraum eröffnen, in dem der Empfänger selbst die richtige Frequenz für sein Reagieren erkennen kann – und souverän die Entscheidung fällt.

Wie ist es bei Ihnen, geben Sie gern Rat?

Werde ich um Rat gefragt, empfinde ich das als eine Ehre. Eine solche Bitte streichelt zunächst mal das Ego des so Angesprochenen. Im Unternehmen ist das Ratgeben jedoch mein Alltagsjob. Den erfülle ich am liebsten in der Form, dass ich meinen Mitarbeitern Tipps gebe wie ein Coach. Ich dränge meinen Rat niemand auf, beende solche Gespräche meist mit einer Gegenfrage: "Oder was meinst du, was wir jetzt tun oder besser lassen sollten?"

Erinnern Sie einen besonders guten Rat, den Sie selbst gegeben haben?

(denkt lange nach.) Einem Freund, der für sein Start-up dringend Geld brauchte, riet ich, die potenziellen Investoren nicht um finanzielle Hilfe zu bitten, sondern um Rat. In der amerikanischen Start-up-Szene gibt es das Sprichwort: "Ask for money and you get advice. But if you ask for advice you'll get money." Der Rat hat funktioniert. © HBm 2022

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Dieser Artikel erschien im Spezial 2022 des Harvard Business managers.

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