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Nebenan.de-Gründer Christian Vollmann über Zusammenarbeit Ohne Vertrauen bricht alles zusammen

Christian Vollmann ist Gründer der Nachbarschaftsplattform Nebenan.de. Als Investor war er an mehr als 70 Start-ups beteiligt.
aus Harvard Business manager Spezial 1/2021
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Gene Glover / Agentur Focus

Wer ein Unternehmen gründet, weiß, dass die Chancen gegen einen stehen. Neun von zehn Start-ups scheitern. Das liegt auch daran, dass viele Einzelkämpfer unterwegs sind. Wer erfolgreich sein will, muss ein Team formen und dafür sorgen, dass alle die gleichen Interessen verfolgen. Das betrifft nicht nur die Gründer und die Angestellten, sondern auch die Investoren.

Das zu erreichen erfordert viel Arbeit und Kommunikation. Man muss offen sein, Konflikte lösen und Vertrauen aufbauen. Vertrauen ist das Schmiermittel einer Gemeinschaft. Vertrauen entsteht nicht über Nacht. Ich muss über einen längeren Zeitraum sagen, was ich tue, und dann tun, was ich sage. Gibt es böse Überraschungen, geht das Vertrauen verloren. Dann bricht alles zusammen.

Ich erinnere mich noch an den Verkauf von StudiVZ an den Holtzbrinck-Verlag. Ich war als Business-Angel beteiligt, es ging um viel Geld. Damals hätten einige Leute durchaus lieber an Facebook  verkauft. Im Nachhinein wäre das der viel bessere Deal gewesen. Leider mangelte es an Vertrauen – zwischen den Investoren untereinander und dann zwischen den Gründern und den Investoren.

Die Interessen waren gleich: Alle wollten den Unternehmenswert maximieren. Trotzdem gab es Streit: Die beiden Hauptinvestoren waren sich nicht grün und misstrauten einander. Dazu kam, dass der Gründer Ehssan Dariani kein einfacher Charakter war. Er hatte unter anderem eine Geburtstagseinladung im Stil des Naziblatts "Völkischer Beobachter" verschickt. Das war natürlich ironisch gemeint, war aber nach hinten losgegangen. Die Investoren trauten ihm nicht zu, die Firma weiter gut zu führen. Hätten sich Investoren und Gründer besser verstanden, ausgetauscht und koordiniert – hätten sie ein Team gebildet –, wäre StudiVZ vielleicht an Facebook gegangen. So haben wir am Ende eine große Chance verpasst.

Ich bin ein Verfechter von radikaler Offenheit. Das heißt: sich brutal reinen Wein einschenken und so transparent wie möglich handeln. Es gibt Ausnahmen, wenn es etwa um Betriebsgeheimnisse geht. Aber wenn man ehrlich ist, gibt es davon nur ganz wenige. Als Unternehmer behandle ich alle Investoren gleich, egal ob es ein kleiner Business-Angel ist, der mir zu Beginn 25.000 Euro gegeben hat, oder der große Venture-Capital-Fonds, der später mit sehr viel mehr Geld dazugekommen ist. Jeder bekommt von mir monatlich eine ausführliche Update-E-Mail: Ich berichte über die positiven Dinge und auch, wo die Probleme gerade liegen. Wenn Investoren immer nur hören, dass alles gut läuft, zerstört das Vertrauen. Dann darf man sich als Gründer nicht wundern, wenn der Investor einem in einer schlechten Phase die Unterstützung kündigt.

Ich investiere selbst auch als Business-Angel in Unternehmen. Manchmal kommt es vor, dass die Gründer am Anfang mit mir im Dauerkontakt stehen, ich aber kaum noch etwas von ihnen höre, sobald ein großer Wagniskapitalgeber dazugekommen ist. Bei der nächsten Finanzierungsrunde wundern sich die Gründer dann, dass ich nicht weiter investieren will. Ich sage dann: "Ich habe seit zwei Jahren keinen Einblick mehr, wie es bei euch läuft. Warum sollte ich euch jetzt erneut Geld geben?" Ich glaube, das gilt generell für die Kommunikation mit Stakeholdern. Den Kunden zum Beispiel – sie müssen sich ernst genommen fühlen. Sie erkennen, wenn man ihnen etwas vorgaukelt. Wenn etwas schiefgelaufen ist, muss ein Unternehmen dazu stehen. Sonst zerbricht das wichtigste Kapital, das es besitzt – Vertrauen.

Bei Nebenan.de geht es im Kern um das Wir: das Wir in der Nachbarschaft. Wir wollen den sozialen Zusammenhalt fördern. Gemeinschaft bedeutet, dass sich die Menschen gegenseitig unterstützen, achtsam miteinander umgehen und Solidarität mit denen zeigen, die Hilfe brauchen. Wie entsteht Solidarität unter Nachbarn? Im Englischen gibt es den Begriff "Pay Forward". Eine deutsche Übersetzung wäre "in Vorleistung gehen".

Das trifft es aber nur zum Teil. Wichtig ist auch der Gedanke, dass man hilft, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Wenn das in der Mehrheit einer Gruppe der Fall ist, entsteht eine Gemeinschaft. Die Grundeinstellung ist dann: Ich helfe immer, wenn jemand Hilfe braucht – zumindest soweit mir dies möglich ist. Dahinter steht ein Urvertrauen: Sollte ich eines Tages Hilfe benötigen, wird mir jemand aus der Gemeinschaft helfen. Dieses Vertrauen wollen wir in die Gesellschaft zurückbringen. In der Corona-Krise gab es auf Nebenan.de eine Welle der Solidarität. In den ersten beiden Wochen hatten wir fünfmal so viele Neuanmeldungen pro Tag wie zuvor, bei den Bestandsnutzern registrierten wir dreimal so viel Aktivität. Es gab unglaublich viele Angebote wie zum Beispiel: "Wenn du nicht mehr einkaufen oder mit dem Hund Gassi gehen kannst, oder wenn du dich isoliert fühlst, helfe ich gerne. Ich gehöre nicht zur Risikogruppe."

Es wurde in den vergangenen Jahren viel von einer Ich-Gesellschaft gesprochen. Ich glaube, dieser Trend ist rückläufig. Das Bewusstsein nimmt zu, dass eine völlig Ich-zentrierte und durchkommerzialisierte Gesellschaft nicht funktionieren kann. Wenn wir als Gemeinschaft überleben wollen, sind wir zur Solidarität verdammt. In der Corona-Krise haben viele gesehen, wie dünn die Decke der Zivilisation ist. Die Menschheit ist verwundbar. Der Wohlstand und die Sorglosigkeit, die wir in den vergangenen Jahrzehnten genossen haben, sind nicht selbstverständlich.

Spezial 2021

Die Kraft des Wir

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Dieser Artikel erschien im Spezial 2021 des Harvard Business manager.

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