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Orchestermusiker Michael Rieber über Zusammenarbeit Man muss sich nicht mögen, sondern respektieren

Als Solokontrabassist im NDR Elbphilharmonie Orchester erlebt Michael Rieber, wie aus Einzelmusikern ein harmonisches Team wird.
aus Harvard Business manager Spezial 1/2021
Michael Rieber, Solokontrabassist im NDR Elbphilharmonie Orchester

Michael Rieber, Solokontrabassist im NDR Elbphilharmonie Orchester

Foto: Anja Grabert

Wenn es gut läuft, sitzen Sie im Publikum und denken: Wow, wie machen die das, dass alles so perfekt ineinandergreift? Perfekte Harmonie wäre vielleicht etwas hochgegriffen, aber es ist das Ideal, nach dem ein Orchester strebt. Der Anspruch an sich selbst und das Team ist wahnsinnig hoch. Wir sind gegenseitig unsere größten Kritiker.

In einem Orchester sitzen viele starke Persönlichkeiten – und vorn steht auch noch mal eine starke Persönlichkeit. Der Dirigent eint das Team, ein bisschen wie ein Fußballtrainer. Er sieht die Stärken und Schwächen jedes Einzelnen und bündelt alles zu einem perfekten Ergebnis. In jedem Team, in dem sehr gut ausgebildete Menschen aufeinandertreffen , gibt es Reibungen.

Das ist natürlich auch bei uns der Fall, es kann auch Reibungsverluste geben. Aber am Ende wollen alle ein perfektes Ergebnis. Um dieses Ziel zu erreichen, muss man erkennen, wann bin ich wichtig und wann nicht. Ich muss im Orchester beides können. Wenn man eine Partitur zum ersten Mal liest, muss man seine Stimme im Gefüge des Ganzen verstehen und die Stellen erkennen, an denen man im Vordergrund spielt, sowie die Passagen, an denen man anderen den Vortritt lässt. Es gibt nichts Schlimmeres als einen Mitspieler, der denkt, dass er immer ganz wichtig ist.

In der Phase der Corona-Beschränkungen war zum ersten Mal wirklich jeder auf sich allein gestellt, das ist für Orchestermusiker sehr ungewöhnlich. Viele von uns haben kleine Videoclips aufgenommen, die der NDR dann online veröffentlicht hat. Ich habe zum Beispiel mit drei Kollegen ein Ensemblestück eingespielt. Das war schon eine schräge Erfahrung. Jeder hat sich allein aufgenommen, wir haben nicht ein einziges Mal zusammengespielt. Und am Ende wurde alles problemlos zusammengefügt. Wir sind einfach so perfekt aufeinander eingespielt, es hat mich selbst überrascht, wie gut das klappte.

Ein Orchester ist aus der Historie heraus ein sehr hierarchisches Konstrukt. Das ist vielleicht vergleichbar mit Unternehmen, in denen es häufig auch noch klare Hierarchien gibt. Ähnlich wie bei Unternehmen geht die Zeit natürlich auch an uns Orchestern nicht spurlos vorbei. Man sieht das auch daran, dass bei Dirigenten der Typ "Diktator", der mit Druck führt, passé ist. Unser neuer Chefdirigent Alan Gilbert ist dafür das beste Beispiel. Er ist sehr partnerschaftlich. Die Hierarchien sind flacher geworden, aber einige bestehen weiterhin. So haben wir verschiedene Stimmgruppen. Es gibt immer einen Ersten oder eine Erste, und dann gibt es die Musiker, die dahinter geordnet sind.

Ein gutes Team macht aus, dass vorn eine akzeptierte Persönlichkeit sitzt, ein Primus inter Pares. Das ist nicht immer einfach zu erreichen, denn in der Gruppe gibt es durchaus eine Dynamik. Dirigenten sagen oft zu den Stimmführern, sie sollen ihre Gruppe führen. Führen heißt hier aber nicht im altmodischen Sinn: Alles hört auf mein Kommando. Das wäre fatal und würde niemals funktionieren. Eine Gruppe führen heißt, dass man gemeinsam atmet, gemeinsam empfindet und gemeinsam in die Musik eintaucht – und am Ende spielt wie eine Person.

Auf Tourneen entsteht noch mal ein ganz besonderes Teamgefühl. Wir spielen 10, 12 oder 14 Konzerte am Stück und sind teils wochenlang unterwegs. Die Stücke wachsen mit der Zeit, und nach fünf oder sechs Konzerten merken wir häufig: Wahnsinn, so gut haben wir das noch nie gespielt. Das schafft ein ganz neues Wirgefühl. Wir alle merken dann, dass gerade etwas Großes passiert, manch einer drückt am Ende eine Träne weg. Auch wenn man privat nicht viel Kontakt hat oder sich nicht viel zu sagen hätte, musikalisch hat man sich in solchen Momenten so viel gesagt. Ich glaube, das beste Teambuilding für Orchester sind tolle Konzerte.

Zusammenarbeit

Die Mehrheit aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer weltweit erledigt den größten Teil ihrer Tätigkeit in Teams. Dabei kann Großes entstehen oder es scheitert an den kleinsten Dingen. Gutes Teamwork ist kein Selbstzweck, sondern ein fragiles Konstrukt, um das man sich kümmern muss.

Wir haben alles Wichtige für Sie zu diesem Thema zusammengestellt.

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Mir ist sogar schon passiert, dass ich im Vorbeigehen noch dachte, die Person kann ich gar nicht ausstehen – und dann mit diesem Menschen wunderbare Musik machte. Nur weil Menschen privat nicht kompatibel sind, heißt das nicht, dass es im Beruf nicht funktionieren kann. Vielleicht krankt es in einigen Unternehmen daran, dass man diese Anspruchshaltung hat, dass sich alle super verstehen müssen. Man muss Respekt voreinander haben und sich vertrauen, das ist die Hauptsache. © HBm 2021

Spezial 2021

Die Kraft des Wir

Zusammenarbeit: Wie Teams gemeinsam Großes schaffen

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Dieser Artikel erschien im Spezial 2021 des Harvard Business manager.

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