Mitarbeiterbindung Warum Sie die Hobbys Ihrer Mitarbeiter fördern sollten

Mit steigender Fluktuation müssen Führungskräfte neue Wege finden, die Mitarbeiterbindung zu stärken. Unterstützung bei der privaten Selbstverwirklichung könnte der Schlüssel sein.
Wenn Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz auch als Mittel zur Selbstverwirklichung begreifen, kommt das nicht nur ihnen selbst zugute, sondern hilft auch dem Arbeitgeber

Wenn Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz auch als Mittel zur Selbstverwirklichung begreifen, kommt das nicht nur ihnen selbst zugute, sondern hilft auch dem Arbeitgeber

Foto: Witthaya Prasongsin / Getty Images

In vielen Branchen hält die "Great Resignantion" Einzug und Führungskräfte fragen sich, wie sie der großen Kündigungswelle am besten entgegentreten können. Sie müssen neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellen und gleichzeitig gute Leute ans Unternehmen binden. Was aber erwarten talentierte Mitarbeiter von einem Job? Wollen sie möglichst flexibel im Homeoffice und selbstbestimmt arbeiten? Oder eine bessere Bezahlung und Gesundheitsvorsorge im Betrieb? Oder gar die Möglichkeit, in einem möglichst diversen Team zu arbeiten und das Leben anderer verbessern zu können?

Während all diese Aspekte bereits auf dem Radar der meisten Arbeitgeber sind, haben unsere Untersuchungen einen zusätzlichen Attraktivitätsfaktor zutage gefördert, der derzeit noch nicht ausreichend beleuchtet wird: Arbeitsplätze, die so gestaltet sind, dass sie die Leidenschaften der Beschäftigten außerhalb der Arbeit unterstützen. Wenn die Belegschaft ihren Arbeitsplatz auch als Mittel zur außerberuflichen Selbstverwirklichung begreift, kommt das nicht nur ihnen selbst zugute, sondern hilft auch dem Arbeitgeber, Produktivität und Wohlbefinden hochzuhalten und neue Talente anzuziehen.

Wie können Sie also Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewinnen und halten, die ihre Leidenschaften außerhalb der Arbeit ausleben wollen? Auf der Grundlage von Forschungsergebnissen zum Thema Leidenschaft am Arbeitsplatz und Beispielen aus Unternehmen, die ihre Mitarbeitenden bei ihrer Passion unterstützen, empfehlen wir Ihnen, durch die folgenden Schritte die Selbstverwirklichung Ihres Teams zu fördern.

Schaffen Sie Flexibilität

Was hindert Beschäftigte daran, außerhalb der Arbeit Aktivitäten nachzugehen, die ihrem Leben einen Sinn geben? Es liegt auf der Hand, dass Leidenschaften Zeit brauchen – aber bei immer vollgepackteren Arbeitstagen und ständig länger werdenden To-do-Listen wird es für viele schwierig, diese Zeit zu finden. Um die Leidenschaften der Mitarbeitenden außerhalb der Arbeit zu unterstützen, müssen Führungskräfte mit ihnen zusammenarbeiten.

Eine Möglichkeit besteht darin, ihnen mehr Gestaltungsspielraum bei der Festlegung der Arbeitszeiten einzuräumen – und die klare Aufforderung zu formulieren, die Arbeitszeiten nach dem Privatleben auszurichten und nicht umgekehrt. Hobbys und Passionen können es erforderlich machen, dass sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach bestimmten Zeiten richten und regelmäßig anwesend sein müssen. Machen Sie deutlich, dass sie kein schlechtes Gewissen haben müssen oder gar ihre Leistungsbeurteilung gefährden, wenn sie an bestimmten Tagen früher in den Feierabend gehen.

Ein Beispiel: Ein Freund von mir wollte schon immer Fußballtrainer für die Mannschaft seiner Tochter werden. Leider aber fand das Training jeden Dienstag und Donnerstag um 17.00 Uhr statt, während seine Arbeitszeit in der Regel bis mindestens 18.00 Uhr dauerte, wenn nötig auch länger. In Anlehnung an das Konzept der Boston Consulting Group für "geplante Freizeit" fühlte er sich ermutigt, seinen Vorgesetzten um Unterstützung zu bitten. Der setzte sich nicht nur enthusiastisch dafür ein, dass er dienstags und donnerstags früher gehen konnte, sondern ermutigte auch andere Mitarbeiter seines Teams, geplante Freizeit zu beantragen, um außerberuflichen Interessen nachzugehen.

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Neben der ausdrücklichen Ermutigung der Mitarbeitenden, ihre Arbeitszeiten zugunsten ihrer Hobbys während der Arbeitswoche auszurichten, könnten Führungskräfte auch längere Freistellungen gewähren, damit sich Teammitglieder außerhalb der Arbeit weiterbilden können, zum Beispiel durch Sabbaticals. Adobe beispielsweise bietet Mitarbeitern, die seit mindestens fünf Jahren im Unternehmen sind, vier Wochen bezahlten Urlaub an, um "ihren Traumurlaub zu verwirklichen" oder "endlich diesen Roman zu schreiben". Google hat ein Stipendienprogramm ins Leben gerufen, das es Mitarbeitern ermöglicht, bis zu sechs Monate lang für gemeinnützige Organisationen an speziellen Projekten zu arbeiten. Selbst Branchen, die als traditioneller gelten – wie etwa das Investmentbanking –, haben begonnen, ähnliche Angebote einzuführen.

Allerdings reicht mehr Zeit nicht immer aus, um außerberufliche Verwirklichung zu ermöglichen – vor allem, wenn die Leidenschaften der Mitarbeiter Reisen oder das Leben an Orten mit besonderen Standortfaktoren (etwa Strandnähe zum Surfen oder Gebirgslage zum Klettern) erfordern. Solche Passionen zu fördern könnte bedeuten, dass nicht nur eine zeitliche, sondern auch eine örtliche Flexibilität eingeräumt werden muss. Einige Arbeitgeber, wie Siemens  und Twitter , haben beispielsweise eine "Work-from-anywhere"-Politik eingeführt, die es den Mitarbeitenden ermöglicht, ihre Arbeit grundsätzlich an jedem beliebigen Ort zu erledigen. Wenn die Arbeitsplätze in Ihrem Unternehmen örtliche Flexibilität zulassen, kann dieser Vorteil als Grundpfeiler der Selbstverwirklichung angepriesen werden und helfen, diese Arbeitsplätze auf attraktive Weise zu vermarkten.

Die Führungskraft als Beispiel

Führungskräfte müssen ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht nur die nötige Flexibilität bieten, um ihren Leidenschaften nachzugehen, sondern auch dafür sorgen, dass sich die Beschäftigten wohlfühlen, wenn sie diese Flexibilität auch tatsächlich in Anspruch nehmen. Denken Sie nur daran, wie schwierig es aufgrund des sozialen Drucks manchmal ist, Mitarbeitende überhaupt zur Inanspruchnahme ihrer bezahlten Urlaubstage zu bewegen.

Seit Langem gibt es das Bild vom "idealen Arbeitnehmer " in den USA, der seine Zeit und volle Energie ausschließlich der Arbeit widmet. Deshalb braucht es in Unternehmen einen Mentalitätswandel und die ausdrückliche Unterstützung der Führungskräfte.

Möglicherweise befürchten Ihre Beschäftigten, dass unorthodoxe Arbeitszeiten zu beruflichen Nachteilen führen und sind deshalb nicht bereit, die Vorteile flexibler Arbeitsmethoden zu nutzen. Untersuchungen zeigen, dass diese Befürchtungen der Arbeitnehmenden durchaus begründet sind. Beschäftigte, die flexible Arbeitszeiten nutzen, um Arbeit und Leben in Einklang zu bringen, werden noch immer oft stigmatisiert. Vor diesem Hintergrund scheuen viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ihre außerberuflichen Interessen zu benennen, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass sie sich weniger für ihren Job engagieren – geschweige denn, sie tun dies auch noch während ihrer eigentlichen Arbeitszeit.

Die Sorge ist jedoch unbegründet. Es gibt keine Belege für die Annahme, dass konkurrierende Leidenschaften die Arbeitsleistung beeinträchtigen . Untersuchungen haben vielmehr ergeben, dass Menschen, die neben ihrer Vollzeitbeschäftigung einen Nebenjob oder sonstige Tätigkeit ausüben, in ihrem Hauptberuf sogar bessere Leistungen erbringen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Nebenbeschäftigungen das Gefühl der Selbstbestimmung und positive Emotionen fördern. Leidenschaften steigern das Engagement in ähnlicher Weise. Außerdem wirkt sich ständiges Arbeiten, vor allem an Feiertagen und außerhalb der Arbeitszeit, negativ aus, da es die intrinsische Motivation der Menschen für die Arbeit schwächt.

Führungskräfte können dazu beitragen, solche Mythen über außerberufliche Leidenschaften zu zerstreuen und deren Auslebung zur Normalität werden zu lassen. Sie können etwa mit Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern über Ihre eigenen Leidenschaften außerhalb der Arbeit sprechen. Erläutern Sie, wie Sie Ihre Leidenschaften als Treibstoff sehen, sich zu regenerieren und zu Höchstleistungen anzuspornen – und ermutigen Sie Ihre Beschäftigten, sich ebenfalls Zeit für ihre Passionen zu nehmen.

Teilen Sie Erfahrungen

Führungskräfte können nicht nur ihre eigene Leidenschaft teilen, sondern auch Maßnahmen ergreifen, um gemeinsame Leidenschaften und Hobbys unter den Mitarbeitenden zu begünstigen. Dies ist für Führungskräfte deshalb wichtig, weil sie auf ihrer höheren Hierarchiestufe nur bedingt Vorbild für angemessene Selbstverwirklichung unter ihren Beschäftigten sein können. Wenn sich niemand sonst im Team die Zeit nimmt, seinen Hobbys nachzugehen, ist es unwahrscheinlich, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich von der Führungskraft hierzu bewegen lassen.

Eine Möglichkeit für Führungskräfte, gemeinsame Selbstverwirklichung unter den Mitarbeitenden zu fördern, besteht darin, Raum für den Austausch über gemeinsame Interessen zu schaffen. Einer von uns (Jon) hält zum Beispiel wöchentliche Labortreffen ab, in denen jedes Teammitglied über seine Passionen außerhalb der Arbeit sprechen kann und auch ermutigt wird, diesen Leidenschaften in den darauffolgenden Wochen und Monaten nachzugehen. Führungskräfte könnten Slack- oder Microsoft Teams-Kanäle einrichten, in denen die Gruppenmitglieder über ihre Hobbys berichten und Zuspruch von anderen erfahren können.

Dieses Vorgehen kann auch die sozialen Bindungen im Team stärken. Wenn man wechselseitig über seine persönlichen Interessen spricht, kann dies ein Nähegefühl erzeugen und damit die Grundlage für persönliche Beziehungen schaffen.

Die Förderung von Interessenaustausch kann gerade für Unternehmen mit vielen Außendienstmitarbeitenden ein gangbarer Weg sein, um soziale Bindungen zwischen ihnen zu stärken. Viele Unternehmen, die keine Büros haben, versuchen, ihre Beschäftigten durch Arbeitgeberleistungen wie unternehmensweite Events zusammenzubringen, um einen solchen Beziehungsaufbau zu ermöglichen. So hat beispielsweise das Social-Media-Unternehmen Buffer, das ausschließlich remote arbeitet, seiner Belegschaft gemeinsame Besuche in New York, Thailand oder Sydney ermöglicht.

Und anstatt diese Events nur auf Spiel und Spaß auszurichten, könnten Unternehmen sie nutzen, um ihren Beschäftigten die Möglichkeit zu geben, bestehende Leidenschaften zu vertiefen oder neue zu entdecken. So könnten Unternehmen beispielsweise interessierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Teilnahme an einem Kochkurs, einem Sprachkurs oder einer Stadtführung finanzieren. Besonders für Kolleginnen und Kollegen im Remote Office können solche Angebote gemeinsame Erfahrungen schaffen, die dabei helfen, auch zukünftig über Entfernungen und Zeitunterschiede hinweg in Kontakt zu bleiben.

Lassen Sie Taten folgen

In Anbetracht der Vorteile, die außerberufliche Leidenschaft für die Arbeitsleistung mit sich bringt, haben immer mehr Unternehmen damit begonnen, Passionen außerhalb der Arbeit finanziell zu unterstützen. Die Kosten für solche Programme können durch die zusätzliche Motivation und das Engagement, das die Mitarbeitenden anschließend in die Arbeit einbringen, ausgeglichen werden.

Edelman-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter können sich beispielsweise um bis zu 2500 Dollar für ein Projekt bewerben, das ihnen am Herzen liegt, oder für eine "Edelman Escape", eine einwöchige Auszeit von der Arbeit und ein Stipendium in Höhe von 1500 Dollar, um eine einmalige Erfahrung zu machen. Das Bekleidungsunternehmen Betabrand bezahlt seinen Beschäftigten im Rahmen seines Flyaway-Programms eine Reise zu einem internationalen Ziel ihrer Wahl, das sie schon immer einmal besuchen wollten – sei es der Geburtsort der Großmutter in Irland oder ein romantischer Abstecher nach Paris. Das Softwareunternehmen FullContact hat ein Programm namens "Paid Paid Vacation", bei dem die Mitarbeiter zusätzlich zum bezahlten Urlaub einen Zuschuss in Höhe von 7500 Dollar erhalten, den sie für alles Mögliche verwenden können. Dies allerdings unter einer Bedingung: sie müssen abschalten und etwas tun, das nichts mit der Arbeit zu tun hat. Ein weiteres Beispiel dafür, wie man seiner Belegschaft helfen kann, einer außerberuflichen Leidenschaft nachzugehen, ist das Dating-App-Unternehmen Hinge, das jedem Beschäftigten 200 Dollar für Verabredungen zur Verfügung stellt.

Führungskräfte können den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch Lernstipendien für die persönliche Weiterentwicklung anbieten. Reddit beispielsweise bietet solche Stipendien an, die für alle erdenklichen Kurse – ob berufsbezogen oder nicht – eingesetzt werden dürfen. In Anbetracht dessen, dass außerberufliche Leidenschaften auch Kreativität und Innovation bei der Arbeit fördern, können Lernstipendien auch ohne Sachbezug zum Tätigkeitsfeld eine gute Idee für Unternehmen sein.

Fazit

Flexibilität wird oft als Problemlöser für die Verpflichtungen des Lebens gehandelt – beispielsweise wenn Eltern ihre Kinder am Nachmittag vom Kindergarten abholen müssen und ihre Flexibilität nutzen, um einen Teil der Arbeit auf den Abend zu verlegen. Oder wenn Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ihre Flexibilität nutzen und im Homeoffice bleiben, um einen langen Arbeitsweg zu vermeiden.

Stattdessen schlagen wir vor, dass Flexibilität auch als Mittel zur Wunscherfüllung begriffen wird – sie sollte den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern den Raum geben, ihren Leidenschaften nachzugehen und von diesen Erfahrungen gestärkt zur Arbeit zu kommen. Flexibilität mit Unterstützung – sowohl sozialer als auch finanzieller Art –, die es den Menschen ermöglicht, ihren außerberuflichen Leidenschaften einen Platz in ihrem Leben einzuräumen, kann Ihren Arbeitsplatz attraktiver machen, um Mitarbeiter anzuziehen und sie zu halten.