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Führung Wenn die Angst der Arbeit schadet

Was tun, wenn Mitarbeiter ihre Ängste nicht mehr in den Griff bekommen? Die Psychologin Ellen Hendriksen weiß, welche Warnzeichen es gibt und wie Vorgesetzte empathisch reagieren.

Das Interview führte Gretchen Gavett
aus Harvard Business manager 10/2020
Foto: ILLUSTRATION: KATHERINE LAM

Harvard Business manager: Woran kann ich erkennen, dass Angst aus dem Ruder läuft?

Ellen Hendriksen: Angst gerät außer Kontrolle und läuft gleichsam Amok, sobald sie die Schwelle von Distress oder Einschränkung überschritten hat. Unter Distress verstehen wir eine hochgradig negative Form von Stress, bei der die üblichen Bewältigungsstrategien nicht mehr funktionieren. Möglicherweise konnten Sie Ihre Ängste bislang mit Yogaübungen, Ihrem Sinn für Humor oder einer guten Portion Zuversicht bewältigen. Aber jetzt lässt sich die Angst durch nichts mehr im Zaum halten. Einschränkung wiederum bedeutet, dass die Angst auf alle Lebensbereiche übergreift und Sie massiv beeinträchtigt. Vielleicht können Sie sich nicht mehr konzentrieren und geraten dadurch mit Ihrer Arbeit in Rückstand. Oder Sie können nicht mehr schlafen oder sind derart durch den Wind, dass Sie sich nicht mehr wirklich auf Ihre Kinder oder Ihren Partner beziehungsweise Ihre Partnerin einlassen können.

Worauf sollte ich bei meinem Chef, den Kolleginnen oder Mitarbeitern achten?

Problematische Ängste zeigen sich vorwiegend in der Gedankenwelt eines Menschen und sind daher von außen nur schwer zu erkennen. Allerdings gibt es einige Hinweise, darunter unkontrollierbare Sorge oder Reizbarkeit, die Unfähigkeit, sich zu fokussieren oder zu konzentrieren, sowie körperliche Unruhe, zum Beispiel rastloses Hin- und Herlaufen oder sichtbare Nervosität. Bei Gesprächen oder Zoom-Meetings fällt häufig auf, dass Betroffene eine Art Tunnelblick haben: Sie sind möglicherweise hyperfokussiert auf eine bestimmte Sorge, kommen immer wieder auf einen Tagesordnungspunkt zurück oder können nicht auf andere Sichtweisen eingehen.

Außerdem führt problematische Angst häufig zu einem verminderten oder überhöhten Kontrollbedürfnis. Menschen mit reduziertem Kontrollvermögen können apathisch, aber auch desorganisiert erscheinen. Ihr Verhalten wirkt teilweise konfus, ineffizient und alles andere als zielorientiert, sodass Sie vielleicht denken: "Was macht er oder sie denn da?" Entweder gibt die Person jedem spontanen Impuls nach, oder sie kapituliert und dreht ihr Fähnchen nach dem Wind.

Übersteigertes Kontrollbedürfnis kann sich durch Mikromanagement äußern, durch Unnachgiebigkeit, übertriebene Wachsamkeit gegenüber potenziellen Gefahren, durch die Weigerung, Neues auszuprobieren oder sich anzupassen, oder dadurch, dass jemand darauf beharrt, es gebe nur eine Art, die Dinge zu erledigen. Diese Menschen stürzen sich in Zeiten starker Angst in die Arbeit und auf alles, was sie kontrollieren können – von Finanzplänen bis hin zu einer detaillierten Aufstellung der Konservendosen im Vorratsschrank.

Bedenken Sie aber auch: Gesteigertes Kontrollbedürfnis ist nur dann ein Problem, wenn es die betroffene Person oder ihr Umfeld übermäßig stresst oder anderweitig beeinträchtigt. Sich auf die Arbeit zu fokussieren ist absolut okay, wenn es jemandem hilft, sich von der Krise abzulenken. Wird die Arbeit aber zum einzigen Fokus – vor allem wenn Gesundheit oder persönliche Beziehungen Schaden nehmen –, ist die Grenze zu ungesunder Überkontrolle überschritten. Achten Sie auch bei sich selbst auf solche Anzeichen.

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Momentan hat fast jeder einen etwas erhöhten Angst- oder Nervositätspegel. Wie lässt sich das von schwerwiegenderen Problemen unterscheiden?

Im Grunde geht es darum, dass die Reaktion nicht unverhältnismäßig zur Gefahr ist. Vor Covid-19 wäre es absolut überzogen gewesen, mit Handschuhen und einer Gesichtsmaske einkaufen zu gehen. Heute ist das alles anders. Ein höherer Angstpegel wird erwartet und ist auch angemessen. Aber die Unverhältnismäßigkeitsregel gilt weiterhin: Wer sich weigert, mit einem Blinddarmdurchbruch die Notaufnahme aufzusuchen, oder wer den Supermarkt in kompletter Tauchausrüstung betritt, wird von den anderen vermutlich für nicht ganz dicht gehalten.

Gestehen Sie anderen Menschen einen großen Spielraum zu, begegnen Sie ihnen mit Verständnis und Respekt. Und wenn jemand überängstlich erscheint, bedenken Sie, dass Sie vielleicht nicht alle Zusammenhänge kennen. Möglicherweise arbeitet seine Schwester als Krankenschwester an vorderster Front. Vielleicht wurde ihrem Mann gekündigt, und die beiden wissen nicht, wie sie ihre Hypothek abbezahlen sollen. Oder eine Mitarbeiterin leidet an einer Ihnen nicht bekannten Vorerkrankung und gehört zur Risikogruppe. Angst kann also durchaus berechtigt und angemessen sein.

Was sollte man ängstlich wirkenden Kollegen und Mitarbeitern auf gar keinen Fall sagen? Und was wäre wirklich hilfreich?

Hüten Sie sich vor Soforthilfetipps wie "Hast du es mal mit Yoga versucht?" oder "Ich habe gehört, Lavendelöl soll wahre Wunder wirken". Solche Ratschläge sind sicher gut gemeint, werden aber als abwertend empfunden: "Oh, mehr brauche ich nicht zu tun? Was bin ich doch für ein Trottel!" Schlimmer noch: Solche Ratschläge schaffen ein Profi-Amateur-Gefälle, das weit entfernt ist von einer Begegnung auf Augenhöhe.

Genauso herabwürdigend und alles andere als hilfreich sind Verharmlosungen wie "Beruhige dich", "Das ist doch kein Grund, Angst zu haben" oder "Machen Sie sich keine Sorgen". Viele Menschen haben Hemmungen, Arbeitskolleginnen und -kollegen, denen sie nicht besonders nahestehen, Hilfe anzubieten. Aber ganz unabhängig von der Beziehung, die Sie zu jemandem haben, können Sie dem anderen das Gefühl geben, dass Sie seine Befürchtungen ernst nehmen: "Es ist doch absolut verständlich, dass wir momentan alle gestresst sind" oder "Glauben Sie mir, zurzeit ist niemand in der Lage, besonders gute Arbeit zu leisten". Oder Sie geben etwas der Situation Angemessenes von sich selbst preis: "Ich tue mich momentan selbst schwer damit, alles auf die Reihe zu kriegen" oder "Für mich ist das Schlimmste, dass man so gar nicht weiß, wie das alles enden wird".

Manche Ängste verstecken sich auch in Was-wenn-Formulierungen: "Was, wenn ich in Quarantäne muss und nicht arbeiten kann?" oder "Was, wenn meine Eltern erkranken?" Seien Sie sich bewusst, dass dieses "Was, wenn" rein rhetorisch ist, aber fragen Sie trotzdem nach einer Antwort: "Das ist ein beängstigender Gedanke. Was würden Sie denn dann tun?" Angst wird durch Unsicherheit bestärkt, und einen Plan zu entwickeln verschafft Sicherheit, was wiederum die Angst lindern kann. Es kann hilfreich sein und wertet die Ängste Ihres Gegenübers nicht ab, wenn Sie ihn oder sie dabei unterstützen, sich etwas Entsprechendes zu überlegen. Dabei sollten Sie selbst aber keine Ratschläge geben. Verkneifen Sie sich daher Bemerkungen wie: "Ich werde Ihnen mal sagen, was meinem Bruder geholfen hat."

Was kann ich tun, wenn ich selbst, eine Kollegin oder ein Mitarbeiter eine Panikattacke hat?

Panikattacken sind etwas ganz Furchtbares. Es mag banal klingen, aber erinnern Sie sich selbst (oder Ihre Kollegin) daran, dass es sich um eine Panikattacke handelt. Die Gefahr ist groß, dass man völlig in dem Gefühl versinkt, sterben zu müssen, einen Herzinfarkt zu haben oder endgültig durchgedreht zu sein. Rufen Sie sich oder dem anderen in Erinnerung, dass es einfach eine Panikattacke ist – und dass jede Panikattacke immer irgendwann aufhört.

Sollten Sie oder Ihre Kollegin ein vom Arzt verschriebenes Notfallmedikament gegen Panik haben, dann ist jetzt die Zeit, es einzunehmen. Wenn Sie zu Hause sind und dort eine Panikattacke erleiden, können Sie folgende rezeptfreie Methode ausprobieren: Füllen Sie ein Waschbecken oder eine große Schüssel mit kaltem Wasser, geben Sie möglichst noch Eiswürfel dazu, und tauchen Sie Ihr Gesicht hinein. Halten Sie den Atem an, und bleiben Sie 30 Sekunden unter Wasser. Das löst den sogenannten Tauchreflex aus, einen evolutionär bedingten Schutzmechanismus, der bei einem Sturz in kaltes Wasser alle nicht lebenswichtigen Körperfunktionen ausschaltet, darunter auch starke Emotionen. Es stimuliert den Parasympathikus und beruhigt. Alternativen wären, kalt zu duschen oder sich einen Eisbeutel auf die Augen zu legen und 30 Sekunden lang die Luft anzuhalten.

Wenn Sie Kollegen oder Mitarbeiterinnen helfen wollen, reden Sie nicht aufgeregt auf sie ein, und verschonen Sie sie mit Fragen. Bewahren Sie selbst weitestmöglich Ruhe, und leiten Sie sie an, tief und – das ist das Wichtigste – langsam zu atmen. Rasche Atmung ähnelt dem Hyperventilieren und kann die Panikattacke noch verschlimmern. Also: beim Einatmen bis sechs und beim langsamen Ausatmen bis zehn zählen. Diese Methode macht sich eine natürliche Körperfunktion namens respiratorische Sinusarrhythmie zunutze, der zufolge das Herz beim Einatmen schneller schlägt als beim Ausatmen. Wenn Sie länger ausatmen als einatmen, verlangsamt dies nach einer Weile die Herzfrequenz, was wiederum die übrigen Körpersysteme beruhigt.

Was ist zu tun, wenn aufgrund anhaltender Angstzustände die Leistung eines Mitarbeiters leidet? Wie sollten Vorgesetzte und Unternehmen am besten reagieren?

Vorgesetzte dürfen keine persönlichen Gesundheitsinformationen abfragen. Aber sie können spezifische Aufgaben oder Verhaltensweisen ansprechen. Wenn Fristen nicht eingehalten werden oder Projekte gefährlich in Verzug geraten, können Sie den Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin um ein Gespräch bitten. Sprechen Sie darüber genauso, wie Sie über eine körperliche Erkrankung oder Verletzung reden würden. Seien Sie zugewandt und offen. Wenn Sie um den heißen Brei herumreden, kann das peinlich wirken und nach hinten losgehen. Sagen Sie: "Ich wollte mal nachfragen, was bei den letzten Deadlines los war. Mir ist klar, dass diese Krise uns alle vor große Herausforderungen stellt. Sie müssen das nicht allein stemmen. Lassen Sie uns darüber reden, was wir tun können, um Sie zu unterstützen." Oder: "Ich weiß, dass es seit einer Weile wirklich stressig ist und große Unsicherheit herrscht. Es ist nicht Ihre Art, Termine zu reißen, deshalb wollte ich einfach mal nachfragen. Sie sind ein so wichtiges und wertvolles Teammitglied. Wir möchten sichergehen, dass Sie alles haben, was Sie brauchen."

Die Krise ist eine gute Gelegenheit für Sie und Ihre Mitarbeiter, Arbeitgeberangebote wie Employee-Assistance- oder Verhaltensgesundheitsprogramme zu nutzen. Zurzeit bieten viele Therapeuten Videositzungen über sichere Plattformen an. Womöglich ist für manche Betroffene die Privatsphäre nicht so einfach zu wahren, weil Partner und Kinder in Hörweite sind. Einfallsreiche Menschen haben sich daher für eine Therapiesitzung schon mal mit ihrem Laptop ins Auto zurückgezogen oder telefonieren auf einsamen Spaziergängen mit ihrem Therapeuten.

Wie ist das jetzt, wo viele von uns im Homeoffice arbeiten? Wie können Vorgesetzte virtuell den Angstpegel ihrer Mitarbeiter erspüren, ohne aufdringlich zu wirken oder jemandes Privatsphäre zu verletzen?

Angesichts der Umstände ist es durchaus okay, etwas direkter zu sein als sonst. Ohne persönlichen Kontakt ist es natürlich schwieriger, entsprechende Anzeichen zu erkennen. Seien Sie vor allem transparent. Erkennen Sie an, dass die Zeiten für niemanden einfach sind. Fragen Sie, wie es dem anderen wirklich geht und wie Sie ihn oder sie unterstützen könnten. Wenn Sie "Alles gut" zur Antwort bekommen, dann reagieren Sie nicht einfach mit einem "Sehr schön!" und haken das Thema damit mental ab. Zeigen Sie stattdessen Flexibilität und Offenheit: "Wenn sich da etwas ändert, lassen Sie es mich wissen, ja?" oder "Das freut mich zu hören. Ich frage in den kommenden Wochen noch mal nach".

Alles, was Sie zu einem guten Menschen macht – Aufrichtigkeit, Flexibilität, ehrliches Interesse am anderen –, trägt in diesen schwierigen Zeiten auch dazu bei, dass Sie eine gute Führungskraft sind. © HBP 2020

Dieser Artikel erschien in der Oktober-Ausgabe 2020 des Harvard Business manager.

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