Zur Ausgabe
Artikel 19 / 22
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Mentoring Wie exzellente Chefs motivieren

Fortbildungsprogramme für Mitarbeiter sind gut, doch individuelles Training kann auch der Vorgesetzte bieten. Denn die besten Führungskräfte sind auch sehr gute Lehrer.
aus Harvard Business manager 3/2018
Foto: PeopleImages/ Getty Images

Kundapur Vaman Kamath war Lehrer. Aber er arbeitete in keiner Schule und stand auch nicht vor einer Klasse: Sein Unterricht fand im Büro statt, und seine Schüler waren die Angestellten, die während seiner 40-jährigen Tätigkeit – zuerst als Manager und dann als CEO der indischen ICICI Bank – für ihn arbeiteten. Ob er seinen Mitarbeitern nun Tipps für die Kommunikation mit wichtigen Interessenvertretern gab oder ihnen erklärte, warum es so wichtig ist, sich ambitionierte Ziele zu setzen: Die Mitglieder seines Teams kamen jeden Tag in den Genuss eines individuellen Managementtrainings. Mit der Zeit wurde seine Bank so zu einer echten Talentschmiede. Viele seiner Mitarbeiter entwickelten Führungspotenzial, was sich natürlich auch positiv auf das Wachstum des Unternehmens auswirkte. ICICI wurde eine der größten, innovativsten Banken Indiens, und Kamath schrieb man das Verdienst zu, eine ganze Generation indischer Bankmanager geprägt zu haben.

Ich beschäftige mich schon seit über zehn Jahren mit Spitzenführungskräften wie Kamath, um herauszufinden, was diese Manager von normalen Vorgesetzten unterscheidet. Am meisten hat mich dabei überrascht, wie viel Zeit diese Starmanager für eine kontinuierliche, intensive Einzelbetreuung ihrer Mitarbeiter investieren – in persönlichen oder virtuellen Gesprächen. Kognitiven Psychologen, Lehrern und pädagogischen Beratern ist der Wert eines solchen personalisierten Mentorings schon seit Langem bekannt: Dadurch erhöht sich nicht nur die Kompetenz oder Konformität der Mitarbeiter, sondern sie entwickeln auch mehr praktische Fähigkeiten und lernen, selbstständiger zu denken und zu handeln.

Doch im Geschäftsleben ist diese Art des Mentorings leider nur selten zu finden. Meiner Beobachtung nach greifen die meisten Führungskräfte lieber auf traditionellere Formen des Managements und der Mitarbeiterschulung zurück: Sie weisen die Mitarbeiter in ihr Arbeitsgebiet ein, führen formelle Leistungsbeurteilungsgespräche, beraten sie bei ihrer Karriereplanung, fungieren als kritische Diskussionspartner und helfen ihnen, sich durch den Dschungel der Unternehmenspolitik zu manövrieren. Die meisten Manager halten es nicht für einen wichtigen Teil ihres Aufgabengebiets, Mitarbeitern etwas beizubringen.

Lead Forward

Der wöchentliche Newsletter für erfolgreiche Führungskräfte

Antonia Götsch, Chefredakteurin des Harvard Business managers, teilt Wissen aus den besten Managementhochschulen der Welt und ihre eigenen Erfahrungen mit Ihnen. Einmal die Woche direkt in Ihr Email-Postfach. 

Jetzt bestellen

Doch die Führungspersönlichkeiten, die ich im Rahmen meiner Recherchen untersucht habe, waren mit Leib und Seele Lehrer: Sie schulten ihre Mitarbeiter immer wieder und vermittelten ihnen technische Kompetenzen, allgemeine Strategien, Geschäftsprinzipien und fachübergreifende Lebensweisheiten. Das informelle, praxisnahe Mentoring, das ihre Schützlinge von ihnen erhielten, ergab sich aus den jeweils anstehenden Aufgaben. Und die positiven Ergebnisse dieses Mitarbeitermanagements waren nicht zu übersehen: Die Teams und Unternehmen solcher Führungskräfte gehören zu den leistungsstärksten ihrer Branche.

Glücklicherweise benötigt man keine besondere Begabung oder Ausbildung und nicht einmal viel Zeit, um seine Mitarbeiter auf diese Weise weiterzuentwickeln. Man braucht einfach nur dem Beispiel dieser Spitzenmanager zu folgen: Von ihnen können Sie lernen, welche Kenntnisse man seinen Mitarbeitern zu welchem Zeitpunkt vermitteln sollte und wie man dafür sorgt, dass das Gelernte anschließend auch im Gedächtnis haften bleibt.

Unvergessliche Lektionen

Wirklich gute Führungskräfte vermitteln ihren Teams ein möglichst breites Wissen; doch ihre besten Lektionen – die so relevant und hilfreich sind, dass die Mitarbeiter sie oft Jahre später noch anwenden und weitergeben – lassen sich in drei Kategorien einteilen.

1. Professionalität

Ein Manager, der früher für den Immobilieninvestor und CEO Bill Sanders arbeitete, berichtete mir, dass Sanders besonders großen Wert auf professionelles Verhalten legte: Er erklärte ihm, wie man sich effektiv auf Konferenzen vorbereitet, andere Menschen von seiner Vision überzeugt und seine Branche aus einer zukunftsorientierten Perspektive betrachtet. Kamath zeigte seinen Protegés, wie man Mitarbeiter auf konstruktive Weise betreut und anleitet, ohne sie in ihrem selbstständigen Denken einzuschränken. Wieder andere Manager haben von ihren Vorgesetzten gelernt, wie wichtig Integrität und hohe ethische Maßstäbe sind.

"Bei ihm stand Glaubwürdigkeit an erster Stelle", so beschreibt der ehemalige Burger-King-CEO Jeff Campbell einen seiner ersten Vorgesetzten, den legendären, leider inzwischen verstorbenen Fast-Casual-Dining-Gastronom Norman Brinker: "Man merkte ihm an, dass es ihm wirklich am Herzen lag, wie wohl die Gäste sich in seinen Restaurants fühlten und was für Menschen seine Mitarbeiter waren." Ein Manager, der unter Tommy Frist Jr. arbeitete, als dieser die Hospital Corporation of America (HCA) leitete, berichtete mir, wie Frist seinen Ärzten immer wieder einschärfte, dass der Patient für sie an erster Stelle stehen müsse. "Ihre allererste Pflicht", erklärte er ihnen, "ist es, sich an den Eid des Hippokrates zu halten. Wenn irgendein Geschäftsführer Ihnen einreden will, etwas anderes zu tun als das, was Sie für richtig halten, rufen Sie mich an. Denn wenn wir solche Praktiken einreißen lassen, werden wir unsere Krankenhäuser bald schließen müssen."

Weiterlesen mit Harvard Business manager+

Das Wissen der Besten – zu den wichtigen Fragen rund um Führung, Strategie und Management.

Wir liefern Ihnen Knowhow aus den renommiertesten Hochschulen der Welt, anschaulich und umsetzbar für Ihren Alltag als Führungskraft.

Ihre Vorteile mit Harvard Business manager+

  • Der Harvard Business manager

    Wissen, Werkzeuge und Ideen für nachhaltigen Erfolg – als E-Paper

  • Zugang zu den besten Texten der vergangenen Jahre

    Inspiration, Leadership-Skills und Praxistipps für erfolgreiche Führungskräfte

  • Einen Monat kostenlos testen

    jederzeit online kündbar

Ein Monat für 0,00 €
Jetzt für 0,00 € ausprobieren

Sie haben bereits ein Digital-Abonnement? Hier anmelden

Weiterlesen mit manager+

Immer einen Einblick voraus

Ihre Vorteile mit manager+

  • manager magazin+

    in der App

  • Harvard Business manager+

    in der App

  • Das manager magazin und den Harvard Business manager lesen

    als E-Paper in der App

  • Alle Artikel in der manager-App

    für nur € 24,99 pro Monat

Sie haben bereits ein Digital-Abonnement?

manager+ wird über Ihren iTunes-Account abgewickelt und mit Kaufbestätigung bezahlt. 24 Stunden vor Ablauf verlängert sich das Abo automatisch um einen Monat zum Preis von zurzeit 24,99€. In den Einstellungen Ihres iTunes-Accounts können Sie das Abo jederzeit kündigen. Um manager+ außerhalb dieser App zu nutzen, müssen Sie das Abo direkt nach dem Kauf mit einem manager-ID-Konto verknüpfen. Mit dem Kauf akzeptieren Sie unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen und Datenschutzerklärung .

Zur Ausgabe
Artikel 19 / 22
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel