Antonia Götsch

Newsletter Lead Forward Die Kraft eines Neins

"Gib niemals auf! Du kannst alles erreichen!" - solche Glaubenssätze, die man rund um Sportereignisse wie Olympia ständig liest, motivieren. Sie können aber auch zum Fluch werden, wenn wir sie über unsere körperliche und geistige Gesundheit stellen.

Nein. Was für ein kleines, kurzes Wort – und welch große Kraft es freisetzen kann. Simone Biles nutzte es bei den Olympischen Spielen in Tokio mit großer Wirkung. Die Spiele sind vorbei, dennoch möchte ich nochmal darauf zurückkommen, denn dieser Moment – und was danach passierte - wird mir in Erinnerung bleiben.

Falls Sie die Sportseiten gewöhnlich überblättern oder wie ich im Urlaub waren: Simone Biles ist die beste Turnerin aller Zeiten. Sie dreht mehr Salti und Schrauben als jede andere. Vor fünf Jahren holte die US-Amerikanerin in Rio vier von sechs möglichen Goldmedaillen. Es schien keine Frage, dass sie auch dieses Mal siegen würde, offen war nur, wie häufig.

Wer nicht kämpft, hat keinen Biss

Bis sie nach dem ersten Sprung im Teamfinale aufgab. Sie hatte in der Luft die Orientierung verloren, in zwei Metern Höhe eine ziemlich gefährliche Sache. Biles erklärte später, sie müsse einen Schritt zurücktreten und ihre psychische Gesundheit priorisieren. Nein, sie könne heute einfach nicht antreten.

Es war ein "Nein", das die Olympischen Spiele erschütterte und weltweit für Schlagzeilen sorgte. Es gab Menschen, die Biles in sozialen Medien daraufhin einen "Quitter" nannten, eine, die aufgibt und ihr Team im Stich lässt. Als würde jemand fünf Jahre Training (eigentlich ja ein ganzes Leben) aus einer Laune heraus wegwerfen.

Wer nicht kämpft, hat nicht genug Biss. Diese Haltung ist weit über den Sport hinaus in unserer Gesellschaft verankert . Wir ernten Bewunderung, wenn wir an unsere Grenzen und über diese hinausgehen. Und wir verurteilen andere Menschen sowie uns selbst, wenn wir eine Karriere aufgeben, ein Projekt abbrechen, aus einem Team aussteigen, weil uns die Chefin mit ihrem toxischen Verhalten den Schlaf raubt. Aufzugeben gilt als Schwäche.

Doch manchmal ist es das einzig Richtige, etwas zu lassen. Weil wir unglücklich sind oder eher andere Erwartungen erfüllen als unsere eigenen. Weil der Druck zu groß wird – und wir uns selbst schützen, bevor wir ausbrennen.

Wir dürfen nicht alles tun, was die Welt von uns verlangt

"Suck it up" und "push through" sind Sätze, die man von Turnerinnen und Trainern sonst in Interviews hört. Biles hat mit gebrochenen Zehen und einem Nierenstein Wettkämpfe bestritten - und gewonnen. Schmerzen gehörten für sie dazu wie das medizinische Klebeband, mit denen Sportlerinnen und Sportler ihre kaputten Gelenke stabilisieren.

"Gib niemals auf! Du kannst alles erreichen!" - solche Glaubenssätze, die man rund um Sportereignisse ständig liest, motivieren. Sie können aber auch zum Fluch werden, wenn wir sie über unsere körperliche und geistige Gesundheit stellen. "Wir dürfen nicht immer nur das tun, was die Welt von uns verlangt", sagte Biles. "Wir müssen unseren Geist und unseren Körper schützen."

Für mich eine der wichtigsten Botschaften dieser Olympischen Spiele.