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Der beste Rat, den ich je bekommen habe "Nicht die Person ist wichtig, sondern das Amt!"

Nehmen Chefinnen und Chefs selbst Ratschläge an? Und was macht einen guten Rat eigentlich aus? Wir haben uns in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft umgehört. SPD-Politiker Martin Schulz hörte als Bürgermeister auf seine Vorgänger - und im Privaten auf seine Mutter.
aus Harvard Business manager Spezial 1/2022
Foto: Steffen Jaenicke / DER SPIEGEL

Als ich mit 31 Jahren zum jüngsten Bürgermeister gewählt wurde, den meine Heimatstadt Würselen je hatte, suchte ich den Rat von zwei erfahrenen Kollegen aus meiner Region. Der erste war Willy Schultheiß, damals Bürgermeister in Herzogenrath. Er riet mir zu gehörigem Respekt: "Nicht die Person ist wichtig, sondern das Amt!"

Der Bürgermeister, so die Darstellung meines Kollegen, bildet gemeinsam mit dem Pfarrer die obersten Instanzen eines Gemeinwesens. Der eine ist für das Seelenheil zuständig, der andere für die öffentliche Ordnung. Und Willy Schultheiß hatte recht: Wie oft saßen mir Menschen in meinem Amtszimmer gegenüber, die mir sagten: "Herr Bürgermeister, wir waren mit unserem Anliegen schon überall, niemand kann uns helfen. Sie sind unsere letzte Hoffnung." Für diese Menschen muss man eintreten, man muss für sie da sein – auch wenn man ihr Problem vielleicht nicht lösen kann.

Für Willy Schultheiß gab es bei der Amtsführung nur ein Prinzip: "Das Recht, das Recht und noch mal das Recht!" Dementsprechend legte er mir nahe: "Als Bürgermeister darfst du niemandem zu viel versprechen, aber auch niemandem zu wenig geben!"

Er wies mich auf meinen Amtseid hin. Dort hatte ich geschworen, "Gerechtigkeit zu üben gegen jedermann". Das Gespräch in Herzogenrath und die darin enthaltenen Ratschläge sind mir bis heute unvergesslich.

Tags darauf besuchte mich einer meiner Amtsvorgänger im Würselener Rathaus: Severin Fritz Pütz, Mitglied im Hauptvorstand der IG Bergbau, als Gesamtbetriebsratsvorsitzender beim Eschweiler Bergwerks-Verein Vertreter von gut 50.000 Beschäftigten, Mitglied des Bundestages und damit ein mächtiger Mann in der SPD. Er war ein ganz anderer Typ als der ehemalige Angestellte Willy Schultheiß: Fritz Pütz war ein in der Wolle eingefärbter Proletarier. Er hatte die Volksschule besucht, war Bergmann geworden und verfiel immer in seinen rheinischen Dialekt.

Fritz Pütz lachte, als ich von dem Rat erzählte, den mir Willy Schultheiß gegeben hatte. Das sei typisch für den korrekten Herzogenrather, er sehe es etwas anders. Dann verriet er mir seinen eigenen Leitspruch: Das Recht solle möglichst der Stadt Würselen nutzen.

Ich habe in den folgenden Jahren viel an die beiden Ratgeber gedacht und mich in meiner Amtszeit bemüht, bis an die Grenzen des Möglichen zu gehen, aber immer im Rahmen des Rechts zu bleiben.

Auch im privaten Rahmen habe ich einmal einen wertvollen Ratschlag erhalten, den ich bis heute beherzige. Ich war noch ein kleiner Junge, als mir meine Mutter sagte: "Alles, was man mit Geld bezahlen kann, ist nicht wichtig. Das lässt sich ersetzen. Wichtig sind unbezahlbare Werte wie Verlässlichkeit, Ehrlichkeit, Treue, Zuneigung und Nähe. Die sind unersetzlich. Achte nur sie!" © HBm 2022

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Dieser Artikel erschien im Spezial 2022 des Harvard Business managers.

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