Antonia Götsch

Newsletter Lead Forward Was mich Angela Merkel im Supermarkt lehrte

Die scheidende Kanzlerin ist eine mächtige Frau, die es nicht nötig hat, ihre Macht ständig und überall zu demonstrieren. Sie zeigt damit, was Führungsstärke eigentlich bedeuten könnte.

Wenn ich auf meiner Datsche bin, einer kleinen Ferienhütte im Norden Berlins, treffe ich gelegentlich Angela Merkel im Supermarkt. Sie geht durch die Gänge und stellt sich wie alle anderen an der Kasse an. Die Personenschützer halten sich mit großem Abstand im Hintergrund. (Und ja, natürlich habe ich genau geguckt, was sie kauft und trotzdem versucht, ganz normal und möglichst desinteressiert zu wirken.)

Wir haben uns später ausgemalt, wie sie nun auf der Teresse sitzt, genauso wie wir, und die gekauften Kartoffeln schält. Oder – jetzt bewege ich mich im Bereich der Fantasie, denn dort habe ich sie nie getroffen – wie Angela Merkel im Jeansstübchen oder der kleinen Parfümerie vor Ort Geschenke für die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines wichtigen Gipfels kauft: "Hello Michelle, I brought you some Kölnisch Wasser from Germany."

Freundliche Übernahme

Was ich eigentlich sagen möchte: Ich mochte und mag diese Seite an Angela Merkel sehr. Sie ist eine mächtige Frau, die es nicht nötig hat, ihre Macht ständig und überall zu demonstrieren. Sie hat eine der wichtigsten Positionen der Welt bekleidet – und sich offenbar sehr bewusst dazu entschieden, nicht abheben zu wollen.

Für mich ist das ein Haltung, die großartige Leader auszeichnet. Letzte Woche verkündete die Noch-Kanzlerin, sie habe ihren potenziellen Nachfolger Olaf Scholz eingeladen, am bevorstehenden G20-Gipfel in Rom teilzunehmen. Sie will ihn persönlich mit Joe Biden und den anderen bekannt machen. Hat es so etwas je gegeben? Eine Amtsinhaberin, die ihren Konkurrenten mitnimmt, um ihm den Start zu erleichtern?

Anderen Stärke verleihen

Wenn wir über Führungsstärke sprechen, meinen wir damit oft die Strahlkraft einer Politikerin oder eines Managers. Ihre Entscheidungsfreude, seinen Instinkt oder ihre Visionen. Aber das ist eigentlich die falsche Perspektive. "Bei guter Führung geht es nicht um Sie", schreiben Frances Frei , Professorin an der Harvard Business School, und ihre Co-Autorin Anne Morris in einem meiner Lieblingstexte  aus dem vergangenen Jahr. "Es geht darum, anderen durch Ihre Anwesenheit Stärke zu verleihen und dafür zu sorgen, dass Ihre Führung diese Menschen auch dann inspiriert, wenn Sie nicht anwesend sind."

Ich glaube, das ist Angela Merkel bereits gelungen.

P.S. Über die Macht der leisen Töne haben wir auch mit Andrea Wasmuth gesprochen. Sie ist Geschäftsführerin der Handelsblatt Media Group, als erste Frau überhaupt, und folgt auf sehr sendungs- und selbstbewusste Vorgänger. Wie sie die Kultur verändern möchte und warum es sie nicht stört, unterschätzt zu werden, hören Sie im Podcast Team A.

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