Antonia Götsch

Newsletter Lead Forward Mamas Liebling oder Pechvogel - Was ist die Rolle Ihres Lebens?

Wie weit wir es im Job bringen, hat mehr mit unserer Kindheit zu tun, als wir glauben. Wir wollen perfekt sein oder stark. Wir versuchen krampfhaft für Harmonie zu sorgen oder halten an der Vorstellung fest, dass unsere Schwester schon immer der Liebling war.

"Nur die Harten kommen in den Garten", antwortet meine Schwester auf die Frage, welcher Glaubenssatz unsere Familie prägt. Ich hätte es ähnlich formuliert. Stark sein, Haltung bewahren, sich selbst rauskämpfen - mit diesen Werten sind wir aufgewachsen. Meine Eltern haben ein eigenes Geschäft aufgebaut. "Wir haben halt immer angepackt", sagt meine Mutter - und dass sie diesen Newsletter lieber nochmal lesen will, bevor ich ihn verschicke.

Wie wir im Job auftreten, Konflikte lösen und Karriere machen, hat mehr mit unserer Kindheit zu tun, als die meisten Menschen glauben. Ich finde das irgendwie faszinierend. Deswegen habe ich die aktuelle Titelgeschichte  des Harvard Business manager auch mit der ganzen Familie diskutiert - und dabei ziemlich viele emotionale Geschichten gehört.

Wir wollen perfekt sein oder stark. Wir versuchen krampfhaft, für Harmonie zu sorgen. Wir haben den Eindruck, dass Eltern uns alles zutrauen - oder gar nichts. Wir halten fest an der Vorstellung, dass unsere Schwester schon immer das Sonntagskind war und wir der übersehene Pechvogel.

Sonntagskind gegen Pechvogel

Interessanterweise hatten meine Schwester und ich dieselbe Erinnerung, als wir über Glaubenssätze und Werte in unserer Familie sprachen. Mein Vater erkrankte vor über zehn Jahren schwer. Nach einer großen OP besuchten wir ihn im Krankenhaus. Diesen Moment, die Tür zu einem Krankenzimmer zu öffnen, verbinde ich mit großer Anspannung und Angst.

Doch mein Vater saß im karierten Hemd am Tisch und tat das Gleiche wie immer: Zeitung lesen. Von mir fiel eine Last ab. Ich bin ihm bis heute dankbar und berührt von der Sicherheit, die er uns damals schenkte. Er war stark für uns. Ich glaube aber auch, er tat es für sich. Sein eigenes Hemd zu tragen, seinem alltäglichen Ritual zu folgen, das war seine Art, sich nicht unterkriegen zu lassen und bei sich zu bleiben.

Geschenk oder Ballast? Beides!

Für mich fängt diese Geschichte die Ambivalenz ein, die Muster aus unserer Kindheit mit sich bringen. Auf der einen Seite habe ich ein großes Geschenk bekommen. Die Anpackermentalität meiner Familie hilft mir und bringt mich voran – im Job und im Leben. Eine Kollegin sagte mal: "Wenn du dabei bist, fühle ich mich stärker." Ein tolles Feedback. Stark sein zu wollen, hat mir aber auch schon oft im Weg gestanden. Ich übertreibe es damit gelegentlich und muss immer wieder darauf achten, in Krisen eigene Bedürfnisse nicht zu übersehen.

Ich bin überzeugt, die größten Stärken und Schwächen haben dieselben Wurzeln, jedenfalls bei den meisten Menschen, die ich getroffen habe. Es kommt darauf an, sich zu erkennen und das richtige Maß zu finden. Ich bin gespannt, ob auch Sie sich in unserer Titelgeschichte  wiederfinden.

Haben Sie den Eindruck, Ihre Kindheit hat beeinflusst, wie Sie Karriere machen und im Job auftreten? Schreiben Sie mir gerne Ihre Geschichte oder Ihr Feedback zur Titelgeschichte per E-Mail (sie können dazu einfach auf Reply drücken).