Antonia Götsch

Newsletter Lead Forward Wie oft zweifeln Sie an dem, was Sie tun?

Selbstzweifel und Unsicherheiten gehören für viele Führungskräfte nicht zum Vokabular. Dabei sind Zweifel eine wichtige Quelle und Grundlage für gute Entscheidungen.

Selten – ehrlich gesagt, fast nie – spreche ich im Job über Zweifel. Dieses Gefühl, das sich wie ein Schatten durch die Tür in den Alltag presst und seinen Platz einfordert. Wenn wir an einer Lösung zweifeln, unserer Meinung, unseren Talenten. Oder uns wegen der vielen Gegenstimmen fragen, ob die Veränderung, für die wir eintreten, wirklich notwendig ist.

"Ich weiß es nicht." "Ich bin mir nicht sicher." Wie oft hören wir Chefs und Chefinnen diese Sätze sagen? Wie oft nutzen wir sie selbst? Wir verbinden Mut, Tatkraft und Entschlossenheit mit dem Begriff Führung – und verdrängen die Unsicherheit, die zu jeder Entscheidung dazu gehört.

Sewell, den ich vergangenes Jahr kennenlernte, ist ein Zweifler. Wir studieren gemeinsam an einer Uni in New York und ich war tief berührt, als er einmal mit uns teilte, wie sehr ihn die politische Situation in seiner Heimat umtreibt. Angesichts der Radikalisierung in den USA fragte er sich, was er als politischer Journalist überhaupt noch bewirken könne. Wo der Sinn seiner Arbeit liege.

Wenn ich auf dieses Studienjahr zurückblicke, würde ich sagen, als besonders stark habe ich Menschen immer dann empfunden, wenn sie ihre Unsicherheiten offenlegten. Mir wurde bewusst, dass Zweifel eine Quelle sind, aus der sich Selbsterkenntnis und Demut speisen. Wer sich seiner Meinung nicht gewiss ist, lernt und ist offen für Feedback. Wer sein eigenes Weltbild infrage stellt, kann aufnehmen, was andere empfinden, und Vorurteile überwinden. Empathie entsteht oft auf schwankendem Boden – nicht auf dem festen Grund der eigenen Überzeugungen. Ohne Zweifel gäbe es auch keine Innovation. Jede Veränderung beginnt doch mit dem Gedanken: "Das muss besser gehen!"

Letztendlich fragen sich nur Narzissten  nie, ob sie das Problem sein könnten. Jeder Mensch, der anderen zuhört, zweifelt. Jeder, der Probleme ernst nimmt, zweifelt. Unsere Welt ist komplex, niemand kann Antworten auf alle Fragen haben. Daher finde ich: Es wird Zeit, unser Bild über den Zweifel anzuzweifeln. Er ist kein Ausschlusskriterium für starke Führung, sondern die Grundvoraussetzung.

PS: Aus welcher Haltung heraus führen Sie? Moderne Teamführung löst Konflikte vertrauensvoll, kommuniziert empathisch, delegiert eindeutig - und schätzt wert, wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Zweifel und Unsicherheiten teilen. Meine Kollegen von manage › forward haben zusammen mit Coach Christine Moscho einen Kurs entwickelt, mit dem Führungskräfte ihre Führungstoolbox kompakt und praktisch anwendbar erweitern. Leser meines Newsletters erhalten mit dem Code LEADFORWARD50 50 Euro Rabatt. Hier gibt es weitere Informationen.