Antonia Götsch

Newsletter Lead Forward Vom Vorstandsbüro auf die Parkbank

Macht kann uns berauschen und unseren Charakter verändern. Umso wichtiger ist es, sich mit Menschen zu umgeben, die einem die Wahrheit sagen - und zu erkennen, dass Macht endlich ist.

Mitten im Lockdown reiste ich nach Berlin, um ein Interview mit Bahn-Vorständin Sigrid Nikutta zu führen. Ich freute mich riesig, die erste Reise seit Monaten. Von ihrem Konferenzraum in der 23. Etage aus überblickte ich die halbe Stadt. Allein die Aussicht über den Potsdamer Platz und die halbe Stadt fühlte sich erhebend an. Innerlich wuchs ich um fünf Zentimeter.

Kurz darauf, noch auf der Toilette im Bahntower, tauschte ich Anzughose und Absatzschuhe gegen Jeans, Stiefel und einen dicken Pullover (Märzwetter). Ich traf mich mit meiner besten Freundin, die ich seit der Vorschule kenne. Da die Restaurants und Bars zu dieser Zeit noch alle geschlossen hatten, kaufte ich mir den ersten Döner seit 20 Jahren und zwei Flaschen Bier.

Wir setzten uns auf eine Parkbank auf dem Mittelstreifen – und lachten über die Situation, die uns sehr an unsere Jugend erinnerte. Vom Vorstandsbüro auf den Mittelstreifen, größer konnte der Kontrast kaum sein. Während um uns herum Autos fuhren und der Mülleimer müffelte, fühlte ich mich dankbar für diesen Kontrast und die Bandbreite in meinem Leben.

Macht verführt jeden und jede

In unserer Titelgeschichte geht es um Macht  – wie sehr sie uns berauschen und unseren Charakter verändern kann. Studien zeigen, dass es schon etwas auslöst, wenn Menschen in einem Experiment nur erzählt bekommen, dass sie zu einer wichtigeren Gruppe gehören. Sobald wir verführt werden, uns mächtig zu fühlen, sinkt unsere Fähigkeit Emotionen bei anderen wahrzunehmen und diese korrekt einzuschätzen. Das finde ich - ehrlich gesagt - ziemlich erschütternd.

Was ist eigentlich Macht und wie erleben wir sie? Ich merke zum Beispiel, dass mir als Chefredakteurin viele Türen offen stehen. Menschen nehmen sich Zeit, um mit mir zu sprechen. Das fühlt sich toll an. Aber natürlich ist diese Macht nur geliehen. Sie ist gebunden an meine Rolle, nicht an meine Person. Ich finde es wichtig, das nicht zu vergessen.

Sorgen Sie für Unbehagen bei sich selbst

"Eine verantwortungsvolle Art, Macht auszuüben, besteht darin, sich mit ihr auf konstruktive Weise unbehaglich zu fühlen", schreiben die Autorinnen unserer Titelgeschichte . Sie zeigen auf, was Führungskräfte tun können, um sich gegen den Sog zu wehren, den Macht auf jede und jeden von uns ausübt, zum Beispiel Feedback einholen, sich an den Tisch in der Kantine setzen, an dem die größten Kritiker sitzen, bewusst Empathie zu trainieren. Wichtig sei auch, immer wieder in andere Lebenswelten einzutauchen und zu erleben, was treibt andere Menschen um? Vor welchen Herausforderungen stehen sie?

Ich zähle darauf, Menschen in meinem Leben zu haben, die es mir ins Gesicht sagen, wenn ich mich verändere und mich zu sehr um mich selbst drehe. Freundinnen wie Rosa, für die ich im Kern immer dieselbe bleiben werde: Jemand, mit dem man auf einer Parkbank einen sehr langen Abend verbringen kann.

Fühlen Sie sich mächtig? Und wie gehen Sie damit klug um?

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