Antonia Götsch

Newsletter Lead Forward Wie gehen Sie mit genialen Idioten um?

Sie sind genial, aber benehmen sich immer wieder daneben: Gerade hochtalentierten „brilliant jerks“ sehen Vorgesetzte oft nach, wenn sie andere beleidigen, manipulieren oder unter Druck setzen. Dabei kann das toxische Verhalten eines Einzelnen die Kultur eines gesamten Teams vergiften.

Hatten Sie schon einmal einen Kollegen, der fachlich unglaublich gut war, der Sie vielleicht sogar beeindruckt hat – bis Sie das erste Mal feststellten, dass sich dieser Mensch gegenüber anderen wie die Attraktion einer Geisterbahn aufführte? Zum Beispiel Büronachbarn anbrüllte, den Praktikanten wie seinen persönlichen Dienstboten behandelte oder Kolleginnen lautstark niedermachte wegen ihrer angeblich dummen, banalen Ideen. Im englischen Begriff gibt es einen Begriff für solche Typen: "brilliant jerks", geniale Idioten.

Gerade hochtalentierten "brilliant jerks" lassen Vorgesetzte oft viel durchgehen, weil sie mit ihrem Fachwissen unersetzlich erscheinen. Doch das toxische Verhalten eines Einzelnen kann die Kultur eines gesamten Teams vergiften.

Toxische Kultur kostet allein amerikanische Arbeitgeber fast 50 Milliarden Dollar pro Jahr, weil viele Mitarbeitende wegen toxischer Führungskräfte und Kollegen kündigen, zeigt eine Schätzung in der MIT Sloan Management Review . Toxisches Verhalten kann andere im Team krank machen, etwa zu Herzerkrankungen und Burn-out führen. Und: Wie glaubwürdig sind die Werte und der Purpose eines Unternehmens, wenn Führungskräfte es zulassen, dass Mitarbeitende einander quälen?

Gute Leistung kann schlechtes Verhalten niemals aufwiegen. Geniale Idioten lassen die Motivation und Leistungskraft ihres Teams erodieren. Und längerfristig wird eine schlechte Unternehmens- und Teamkultur selbst die beste Strategie untergraben. Eine umfassende Studie bei Google, das viel zitierte Aristoteles-Projekt, ergab, dass die leistungsfähigsten Teams nicht die waren, in denen besonders viele Genies saßen. Es waren die Teams, in der Teammitglieder sich sicher fühlten und jeder seine Rolle hatte.

Der amerikanische Psychologe und Wharton-Professor Adam Grant hat es in einem Twitter-Beitrag  auf den Punkt gebracht: "In toxischen Kulturen beweisen die Menschen ihre Intelligenz, indem sie andere niedermachen. In gesunden Kulturen nutzen die Menschen ihre Intelligenz, um andere aufzubauen. Wissen und Erfahrung sind keine Waffen, die man einsetzen kann. Sie sind Ressourcen, die man teilen kann."

Geniale Idioten sind der Stresstest für Führungskräfte. Ob Sie wegschauen oder bei toxischem Verhalten eingreifen und klare Grenzen setzen, entscheidet darüber, wie glaubwürdig Sie sind und für welche Kultur Sie stehen. Mit Ihrem Verhalten zeigen Sie, ob Werte wie Toleranz oder Respekt echte Leitplanken sind oder leere PR. "Werte kann man nicht lehren", hat der Wiener Psychiater Viktor Frankl geschrieben. "Man kann Sie nur vorleben." (Und ja, ich zitiere Frankl zum zweiten Mal in Folge, aber seine Texte und Gedanken sind auch einfach sehr inspirierend).

Wie Sie über Kommunikation psychologische Sicherheit schaffen und Ihr Team stärken, fand ich übrigens in diesem Text hervorragend erklärt . Eine Anleitung mit genauen Formulierungen zum Abgucken.