Antonia Götsch

Lead Forward Weil es Liebe ist

Wenn wir über Liebe zum Job reden, geht es meist darum, dass wir uns schöne Erlebnisse und Gefühle wünschen – und alle anderen wegsollen. Aber ganz ehrlich: Fühlt sich Ihre Ehe jeden Tag an wie der erste Kuss?

Gelassenheit ist seit Jahren ist ein Thema für mich. In Coachings, beim Yoga, in Gesprächen mit guten Freunden: Immer wieder komme ich zurück auf diesen Wunsch, gelassener zu sein. Weil ich manchmal erschöpft bin von meinem eigenen Temperament. Weil ich bestimmte Ideen nicht loslassen kann und Konflikte austrage, von denen ich mich frage: Ist das eigentlich mein Job? Ich wünsche mir dann, sachlicher zu sein, Dinge vorbeiziehen zu lassen. Ist doch eigentlich egal. Hauptsache, ich bekomme mein Geld und mache mir keinen Stress.

Die Lektüre unserer aktuellen Titelgeschichte „Lieben Sie Ihre Arbeit? “ hat mir eine neue Perspektive aufgezeigt. Ich bin nicht gelassen. Ich werde nie gelassen sein. Aus einem Grund: Weil es Liebe ist. Deswegen kämpfe ich darum, bestimmte Werte einbringen zu können – oder werde wütend, wenn ich diese verletzt sehe. Deswegen mache ich Dinge, die ich nicht tun müsste, aber tun will.

HR-Experte Marcus Buckingham beschreibt in seinem klugen Text drei Faktoren, die Engagement und Zufriedenheit im Job mit Abstand am stärksten positiv beeinflussen. Es ist nicht die Bezahlung oder die attraktive Kantine, sondern:

  • War ich vergangene Woche jeden Tag mit Freude bei der Arbeit?

  • Hatte ich jeden Tag die Möglichkeit, meine Stärken einzusetzen?

  • Gibt mir die Arbeit Gelegenheit, das zu tun, was ich gut kann und liebe?

Ich kann alle drei Fragen ganz klar mit Ja beantworten. Was für ein Privileg! Ich liebe, was ich tue. Deshalb bin ich manchmal hitzig, emotional, verletzend und verletzlich.

Erleben Sie zu Hause nur Konfetti-Momente?

Wenn wir über Liebe zum Job reden, geht es meist darum, dass wir uns schöne Erlebnisse und Gefühle wünschen – und die anderen wegsollen. „Mein Job ist schon toll, aber mein Kollege Müller nervt“, sagen wir dann. Oder: „Wenn nur die Meetings nicht wären.“

Aber ganz ehrlich: Fühlt sich Ihre Partnerschaft jeden Tag an wie der erste Kuss? Erleben Sie mit Ihren Kindern ausschließlich Konfetti-Momente? Können Sie es rein sachlich sehen, wenn Ihr pubertierender Sohn Sie beleidigt oder ein Freund auf der Straße von einem Passanten angepöbelt wird?

Liebe ist Höhenflug. Liebe ist Normalität. Liebe ist Vertrauen und Enttäuschung, Zärtlichkeit und Wut. Liebe ist Alltag auszuhalten. Wahrscheinlich fallen Ihnen noch Dutzende andere Punkte ein. Liebe umfasst viele Gefühle, aber eines passt in meinen Augen nicht: Gleichgültigkeit.

Du bist mir nicht egal, weil du mir etwas bedeutest. Das gilt für meine Ehe wie für meinen Job. Und ich habe irgendwie den Verdacht, diese Erkenntnis könnte mich am Ende vielleicht sogar gelassener machen.

Was denken Sie: Passen Liebe und Job für Sie zusammen? Und wie würden Sie die drei Fragen für sich selbst beantworten?

Ich freue mich auf Ihr Feedback (einfach auf Reply drücken).

PS: Weiterlesen und Mitreden: Was können Unternehmen machen, um ihr Team zu halten? Und was besser nicht? Armin Trost, Professor für Personalmanagement, schreibt in unserer aktuellen Ausgabe über "7 Irrtümer der Mitarbeiterbindung ". Er fordert: "Hört auf, eure Mitarbeiter zu verhätscheln!". Er beantwortet am 30. Juni, um 14.00 Uhr, im nächsten OPEN HOUSE - dem Community-Talk des Harvard Business manager - exklusiv die Fragen unserer Leserinnen und Leser. Hier geht es zur kostenlosen Anmeldung.