Antonia Götsch

Newsletter Lead Forward Vielleicht müssen wir nicht immer etwas zu sagen haben

In den sozialen Medien häufen sich Beiträge über den russischen Angriff auf die Ukraine, es geht um Führungsstile und Moral. Wem helfen solche Vergleiche? Vielleicht gilt es besser auszuhalten, dass uns dieser Krieg schockiert und sprachlos macht.

Es fällt mir schwer, in dieser Woche einen Newsletter zu schreiben. Der Krieg in der Ukraine macht mich sprachlos. Als Journalistin spürte ich dennoch schnell den Impuls, unsere Themenpläne umzuschmeißen und etwas beizutragen. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen durchsuchte ich unser Archiv und las mir die besten Klassiker durch, etwa zu "Führen in Zeiten der Angst ". Doch keiner traf die Situation eines Krieges in Europa.

In den sozialen Medien habe ich viele Beiträge über den Führungsstil der verschiedenen Akteure gelesen: Es gibt Interpretationen über Wladimir Putins Psyche und viel Lob für die Führung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj.

Klar ist: Die beiden senden völlig unterschiedliche Botschaften, der eine am großen Tisch, Meter entfernt von seinen Beratern. Der Andere ganz nahe unter seinen Leuten. Doch Putin nun zum Beispiel mit einem Büro-Narzissten zu vergleichen, wie ich es gelegentlich gelesen habe, erscheint mir unangemessen, wie ein Diminutiv.

Auch Selenskyj handelt in einem Rahmen, der wenig Parallelen zum üblichen Management aufweist. Seine Heimat wird angegriffen und bombardiert, jeden Tag sterben Menschen. Ich bin beeindruckt von Selenskyjs Reden, seiner Klarheit, seiner Tatkraft, seinem Mut. Doch wie gewinnbringend und angemessen ist es in dieser Situation, Lehren auf die Managementwelt übertragen zu wollen?

In einer Unternehmenskrise muss niemand ums eigene Leben oder das seiner Liebsten fürchten. Ich frage mich: Helfen diese Parallelen den Menschen, die gerade flüchten müssen oder helfen sie vor allem uns etwas zu verstehen und einzuordnen, was vielleicht nicht sofort zu verstehen und einzuordnen ist?

Vielleicht gilt es auszuhalten, dass uns dieser Krieg schockiert und sprachlos macht. Auch wenn Social Media uns vorgaukelt, es wäre anders: Wir müssen nicht jeden Tag selbst etwas zu sagen haben. Wir können zuhören, lernen und Beiträge teilen von Menschen, deren Stimme gehört werden sollte. Auch das ist in meinen Augen Solidarität.