Antonia Götsch

Newsletter Lead Forward Sind Sie zu feige, wirklich Urlaub zu machen?

Viele Führungskräfte melden sich aus dem Urlaub. Auch mir fällt es schwer, loszulassen. Aber ich habe keine Lust, ein Feigling und mieses Vorbild zu sein. Deswegen packe ich den alten Nokia-Knochen ein oder lösche alle Dienst-Apps.

Neulich schrieb mir ein Kollege aus dem Urlaub eine Nachricht, bei der die Hälfte der Information zu fehlen schien. Ich hatte sofort die Vorstellung, dass er sich hinausgeschlichen hatte, um mir hektisch zu antworten. Vielleicht tippte er sogar heimlich auf der Toilette, um seine Familie nicht zu verärgern. Genauso ist es mir jedenfalls schon ergangen.

Alle Gedanken haben dieselbe Wurzel

Nun bin ich selbst am Sonnabend nach Sylt gefahren – und habe mir vorher Gedanken gemacht, wie erreichbar ich im Urlaub sein möchte. Ob meine Kollegen die nächste Ausgabe unseres Magazins wirklich alleine ins Druckhaus schicken können. Ob Fragen aufkommen, die sie ohne mich nicht beantworten können. Ob sie sich im Stich gelassen fühlen. Ob ich etwas verpasse oder übergangen werde, wenn ich nicht da bin.

All diese Gedanken haben ein und dieselbe Wurzel: Angst. Und ich habe keine Lust, ein Feigling zu sein.

Tatsächlich gibt es viele gute Gründe, die dagegen sprechen, sich als Chef oder Chefin aus dem Urlaub zu melden:

  • Mit halber Konzentration getippte Nachrichten oder Gedanken bringen meine Kolleginnen und Kollegen nicht wirklich weiter.

  • Ich sende meinem Team das Signal: Ich traue euch nicht zu, die Aufgaben ohne mich zu bewältigen.

  • Sich nicht auf die gemeinsame Zeit  im Urlaub einzulassen, ist nicht wertschätzend gegenüber meiner Familie.

  • Hektisch und nebenbei im Chat oder per E-Mail mitzumischen, ist nicht wertschätzend gegenüber meinen Kolleginnen und Kollegen.

  • Ich bin ein mieses Vorbild und sende meinem Team das Signal, dass ich erwarte, auch sie sollten in den Ferien arbeiten.

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Alle Argumente sprechen dafür, abzuschalten. Das wissen Sie wahrscheinlich so gut wie ich, wenn Sie darüber nachdenken. Trotzdem fällt es schwer, loszulassen. Ich habe mir daher genau überlegt, mit welcher Entscheidung oder welchem Fehler ich nicht leben könnte, und habe beschlossen – als einzige Handlung im Urlaub –, das Titelbild für die nächste Ausgabe vorher zu sehen. (Ich weiß, meine Kollegen könnten das auch, diesen Schritt hebe ich mir für die nächste Reise auf.)

Das alte Nokia fährt mit

Zudem werde ich mich selbst etwas "fesseln". Im Alltag stelle ich immer wieder fest, wie leicht mich Apps, Chats und Kurznachrichten verführen, doch mal zu schauen, wie unsere Website so läuft, mitzudiskutieren oder E-Mails zu schreiben. Deshalb werde ich entweder meinen alten Nokia-Knochen mit Schwarz-Weiß-Display mitnehmen oder alle Dienst-Apps von meinem Smartphone löschen. Ich werde meine Nummer hinterlassen und meine Kolleginnen und Kollegen bitten, in dringlichen Fällen anzurufen oder eine SMS zu schreiben. So bin ich im Notfall erreichbar, aber zwei Wochen offline.

PS: Falls Sie sich fragen, warum ich Ihnen aus dem Urlaub schreibe: Ich habe meinem Team zwei Newsletter für Sie hinterlassen. Und ich würde mich sehr freuen, nach meiner Rückkehr Anfang August Ihre Antworten zu lesen. Was mich brennend interessieren würde:

Wie gehen Sie mit Ihrem Urlaub um? Und welchen Tipp haben Sie, um wirklich abzuschalten?

Herzliche Grüße
Antonia Götsch

Chefredakteurin des Harvard Business managers