Antonia Götsch

Newsletter Lead Forward Was mein Fahrradunfall mit guter Führung zu tun hat

Lassen Sie sich von Wut leiten oder von Herzlichkeit? Das macht für Ihre Mitmenschen einen entscheidenden Unterschied – und vor allem für Sie persönlich.

Neulich hatte ich einen Fahrradunfall. Um es gleich vorwegzunehmen: Der Fehler lag bei mir. Ich überholte eine andere Radfahrerin und übersah dabei den nahenden Fußgänger. Der Mann hätte leicht ausweichen können, stattdessen ging er auf mich zu und breitete die Arme aus, um sein Terrain zu verteidigen. Ich musste nach links lenken, wo kein Platz war, und knallte in einen Fahrradständer.

Japsend und blutend lag ich am Boden – während der Mann mich anbrüllte. Irgendwann sagte ich zu ihm: "Ich weiß, ich habe einen Fehler gemacht. Aber ich bin verletzt und Sie brüllen mich an – was stimmt nicht mit Ihnen?"

Hauptsache Recht haben

Die Schrammen sind längst verheilt, aber irgendwie hängt mir die Sache noch nach. Ich habe das Gefühl, wir steigern uns zunehmend derart hinein ins Recht haben und Beharren, dass wir alle möglichen Verletzungen in Kauf nehmen. Recht geht vor Nachsicht oder gar Vertrauen darin, dass andere in guter Absicht handeln. Wohin führt uns diese Haltung?

"Die ultimative Quelle eines glücklichen Lebens ist die Herzlichkeit", schrieb der Dalai Lama  bereits 2019 in einem Text für den Harvard Business manager. "Zerstörerische Emotionen stehen in Zusammenhang mit Unwissenheit, während Mitgefühl eine konstruktive Emotion ist, die mit Intelligenz in Zusammenhang steht. So kann es gelehrt und gelernt werden."

Auch ich nehme meine Mitmenschen oft nicht wahr, weil ich abgelenkt bin und zur Arbeit oder zur Kita hetze. Ich ärgere mich über Leute, die in der S-Bahn drängeln oder Radfahrer, die zu schnell auf dem Fußweg vor unserem Haus fahren.

Sehen Sie Menschen oder Feinde?

Am Ende sollten wir uns aber immer fragen: Wie blicke ich eigentlich auf die Welt? Sehe ich mich umgeben von Menschen, die Fehler machen, oder von potenziellen Feinden? Lasse ich mich von meinem Zorn leiten oder von meiner Herzlichkeit? Das macht für unsere Mitmenschen aber vor allem für uns selbst einen riesigen Unterschied.

Wie sich dieser Unterschied anfühlt, spürte ich nach einem Vortrag meiner Freundin Sonja. Sie erklärte verschiedene mentale Techniken - und wie man sich damit selbst besser führen kann. Am Ende sagte sie: "Und wenn ihr jetzt nach Hause fahrt, stellt euch vor, ihr seid ein Geschenk an die Welt."

Ganz ehrlich: So gehe ich normalerweise nicht durch meinen Alltag - vor allem nicht vor dem ersten Kaffee. Aber nach diesem Vortrag und einer Gedankenreise war ich entspannt und neugierig. Ich probierte es einfach aus. Die Reaktionen waren beeindruckend. So ziemlich alle Menschen, denen ich auf dem Heimweg begegnete, lächelten mich an, sahen mir direkt in die Augen, nickten mir sogar zu. Sie spiegelten mir meine eigene Haltung zurück: herzlich, freundlich und offen. So könnte ich eigentlich öfter durch meinen Alltag gehen.

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