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Gunter Dueck über Zusammenarbeit Teamgeist als Machtinstrument

In vielen Unternehmen wird Teamgeist beschworen, tatsächlich wird das Buzzwort häufig nur als Machtinstrument eingesetzt. Eine Gegenrede von Gunter Dueck.
aus Harvard Business manager Spezial 1/2021
Gunter Dueck ist emeritierter Professor für Mathematik

Gunter Dueck ist emeritierter Professor für Mathematik

Foto: Ramon Haindl / Der Spiegel

Wer gewinnt den Pokal? Bekannterweise meist Mannschaften in rauschhaftem Teamgeist. Andererseits sind real existierende Mannschaften oft schlecht koordiniert, zanken sich um Plätze im Team, ärgern sich über Ungerechtigkeiten bei der Mannschaftsaufstellung und natürlich bei der Bezahlung. Viele Trainer haben zudem eigene Ideen, auf welcher Position ihre Spieler eingesetzt werden – die Spieler aber fühlen, dass sie dort agieren müssten, wo ihr Talent liegt.

Wie wird nun aus einem Haufen Menschen ein Siegerteam? Berater überschlagen sich mit Vorschlägen für Führungskräfte. Diese enthalten meist das kategorische Wort "muss". "Soll" ist zu lasch. Man muss die Mitarbeiter nach ihren Talenten einsetzen, sie "empowern", ihnen Entscheidungsfreiraum geben, sie begeistern für sinnvolle gemeinsame Ziele, zu Innovationen anregen, ihnen Hindernisse aus dem Weg räumen und sie unter den positiven Kraftfeldern eines "Flow" arbeiten lassen. Der "Leader" (es muss schon ein Leader sein) agiert als Vorbild, coacht, fördert den Zusammenhalt – und alle mögen sich von Herzen gern.

Dann kommt die Realität: Es gibt kaum Leader! Die Incentive-Systeme sind nicht nur ungerecht, sondern verhindern eigentlich die Teamarbeit, auch weil sie ganz oben mit heißer Nadel und unter dem Termindruck des nächsten Quartalsberichts per Excel gestrickt werden. Die meisten Unternehmen halten die Mitarbeiter in negativem Dauerleistungsstress, fordern Extrameilen und Überstunden, sie entmündigen Mitarbeiter durch Prozessorientierung.

"Tut mir leid, Kunde, ja, ich weiß, es ist abstrus, aber ich habe meine Vorschriften." – "Ja, Einstein, Sie wären bei Beförderungen dran, aber die sind gestrichen." Und zum Schluss verrät der Zahlenmanager: "Ihr habt nur Peanuts-Probleme! Ich selbst stehe unter viel höherem Druck als ihr Mitarbeiter. Ihr könnt Probleme noch mit Überstunden lösen, ich nicht mehr."

Die Mitarbeiter wissen das und schweigen in der Regel wie Lämmer. Das mittlere Management, das selbst schlecht zusammenarbeitet, ruft in dieser durch absurde Ziele selbst erzeugten Verzweiflung: "Arbeitet mehr im Team!"

Spätestens an dieser Stelle merkt der gesunde Menschenverstand, dass wir uns wirklich in einem Filz gravierender Probleme verfangen haben, die einen Axthieb auf einen gordischen Knoten erfordern. Rhetorisch klingt das so: "Es muss ein Umdenken stattfinden." Muss, muss, muss. "Früher hatten wir noch die Wahl. Jetzt aber müssen wir zusammenarbeiten, sonst ist es zu Ende. Nur als Team sind wir stark." Teamgeist wird als Druckmittel eingesetzt und so ins Gegenteil verkehrt.

Bei dieser Argumentation wird mir oft vorgeworfen, ich sei sarkastisch. Die Forderung, ich solle einen konstruktiven Vorschlag machen, weise ich dennoch gern zurück, denn ich denke wie Einstein. Der wies darauf hin, dass ein tiefes Verständnis des Problems seine Lösung schon weitgehend enthält. Doch weigern sich meine Kritiker, die Teamgeistforderer, dieses Problem zu verstehen. Sie wollen einen einzigen Satz: "Man muss" agil sein, schlanke Hierarchien haben, Purpose verfolgen, was weiß ich. Der Satz muss schön klingen, sich wie Businesspornografie anfühlen und sich zum Druck auf die Firmenkaffeepötte eignen.

Im Alltag halten sich die meisten Chefinnen und Chefs dann wohl doch an Machiavelli. Sinngemäß: "Ein Fürst kann durch Furcht herrschen oder durch Beliebtheit. Beliebtheit ist schwer zu erzielen und in Krisen instabil. Es ist sicherer, durch Furcht zu herrschen, dass kann jeder."

Ersetzen Sie das Wort Beliebtheit durch Teamgeist – und fühlen Sie sich ertappt. Teamgeist wird beschworen, in Wahrheit herrschen die meisten Führungskräfte angesichts der Herausforderungen und Hürden in den Organisationen mit Druck. Machiavelli warnt, dass der Manager die Macht verlieren könnte, wenn die Furcht der Mitarbeiter in Hass umschlägt. Weil das aktuell so ist, beschwören wir wenigstens den Teamgeist.

Spezial 2021

Die Kraft des Wir

Zusammenarbeit: Wie Teams gemeinsam Großes schaffen

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Dieser Artikel erschien im Spezial 2021 des Harvard Business managers.

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