Antonia Götsch

Newsletter Lead Forward Die New-Work-Lüge

Trends lassen uns manchmal vergessen, dass wir meist nicht einfach einen Schalter umlegen können - und die ganze Organisation springt in ein neues Zeitalter. Veränderungen wie New Work bedeuten eben wirklich Work – nicht nur an den Strukturen, sondern vor allem an den Beziehungen und Führungsqualitäten.

"Tolle Benefits wie frisches Obst, Kaffeevollautomat und Firmenfeiern. Aber die Mitarbeiterführung ist katastrophal. Je nach Lust und Laune werden einzelne Kollegen rausgepickt und aus völlig unnachvollziehbaren Gründen zur Sau gemacht."

Das ist ein echter Kommentar auf dem Arbeitgeberbewertungsportal Kununu (einer von vielen). Er fasst ziemlich gut zusammen, was schiefläuft in vielen Unternehmen. Durch einen Korb Äpfel wird Arbeit weder "new" noch besser.

Eigentlich passen viele meiner Werte und Ziele zu New Work. Dennoch hatte ich lange Probleme mit dem Begriff. Das liegt vor allem an seiner enormen Breite. Vertrauenskultur, eigenverantwortliches Arbeiten, Freiheit, Sinnhaftigkeit - all das fällt darunter. Keines dieser Prinzipien lässt sich eben mal so abhaken. Allein mit Eigenverantwortung und gegenseitigem Vertrauen kann man sich als Team monate-, wenn nicht jahrelang beschäftigen.

Mehr Kontrolle statt Eigenverantwortung

Eine aktuelle Umfrage zeigt: In vielen Unternehmen führen die neuen digitalen Möglichkeiten nicht zu mehr Freiheit, Eigenverantwortung und Vertrauen, sondern zu mehr Kontrolle. Ein Riss geht durch die Wirtschaft  - und sorgt für extrem unterschiedliche Arbeitswelten. 41 Prozent der befragten Wissensarbeiter nehmen beispielsweise mehr Eigenverantwortung wahr, während 30 Prozent eine Stärkung von Hierarchien feststellen.

Das Problem: Trends lassen uns manchmal vergessen, dass wir nicht einfach einen Schalter umlegen können. Wir hören einen coolen Vortrag, sind begeistert und wollen sofort dabei sein bei dieser glanzvollen Zukunftssache. Aber New Work bedeutet eben wirklich Work – nicht nur an den Strukturen, sondern vor allem an den Beziehungen und Führungsqualitäten.

Fokus auf die Strukturen

Viele Unternehmen konzentrieren sich bei New Work zu sehr auf ihre Strukturen, schreibt Carsten C. Schermuly, Vizepräsident an der SRH Berlin University of Applied Sciences in unserem aktuellen Schwerpunkt : "Sie führen agiles Projektmanagement ein oder streichen Hierarchieebenen. Sie »empowern« quasi die Strukturen ihrer Organisation, aber nicht zwangsläufig die Personen, die in diesen Strukturen arbeiten müssen".

Alle im Unternehmen müssen umlernen, wenn Hierarchien wegbrechen. Führungskräfte müssen den Rahmen neu definieren und die Entwicklung unterstützen. Für mich ist New Work eher ein Weg als das Ziel – bei jeder Etappe gibt es Neues zu entdecken und Herausforderungen zu meistern.

Was bedeutet New Work für Sie? Erleben Sie mehr Freiheit oder Kontrolle in Ihrem und anderen Unternehmen? Wir würden gern ein Stimmungsbild zusammentragen. Deshalb würde ich mich sehr über Ihre Erfahrungen freuen, auch anonym.

Herzliche Grüße

Chefredakteurin des Harvard Business managers