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GDL-Chef Claus Weselsky "Alles oder nichts"

Die Lokführergewerkschaft ist streikerprobt, ihr Chef Claus Weselsky bleibt hartnäckig. Für das Spezial 2020 zum Thema Mut beschrieb er im Harvard Business manager, was ihn antreibt, wer sein Vorbild ist und wann er den Mut auch mal verlor.
aus Harvard Business manager Spezial 1/2020
Claus Weselsky führt die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) in den Streik.

Claus Weselsky führt die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) in den Streik.

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ILLUSTRATION: THOMKE MEYER FÜR HARVARD BUSINESS MANAGER; FOTOVORLAGE: ANDREAS ARNOLD / DPA / PICTURE ALLIANCE

Wenn eine kleine Gewerkschaft, wie wir das mit unseren Lokführerstreiks im Herbst 2014 gemacht haben, an den Lebensnerv einer großen Industrienation wie der Bundesrepublik greift, dann ist Mut nicht die entscheidende Voraussetzung. Wichtig ist vielmehr die Überzeugung, dass das, was man sich da herausnimmt, tatsächlich richtig ist. Dass es nicht nur kurzfristigen Nutzen bringen wird für die eigene Klientel, sondern dass es letztlich die Verhältnisse im ganzen Land verbessert.

Davon waren wir damals vollauf überzeugt. Unsere Auffassung war das Ergebnis einer jahrelangen Entwicklung, ausgelöst durch die Debatten über das Tarifeinheitsgesetz. Und es war klar: Die Auseinandersetzung, in der es um wesentlich mehr ging als um unsere üblichen Streitpunkte wie Gehälter, Arbeitszeiten, Anzahl der Urlaubstage und andere Details von Tarifverhandlungen, konnte nicht mit einer Win-win-Situation enden. Nur einer der Kontrahenten würde als Sieger vom Platz gehen. Für uns, die Vertreter der Arbeitnehmer, ging es also um alles oder nichts. Insofern benötigte der Konflikt von unserer Seite weniger Mut als vielmehr die richtige Strategie und Haltung.

Wir brauchten auch deswegen weniger Mut, weil wir nie die Gesellschaft komplett gegen uns hatten – trotz des großen Unmuts bei der Mehrheit der Bahnreisenden und bei den Unternehmen, die auf die Dienstleistungen des Bahngüterverkehrs angewiesen waren. Ich war immer ohne Personenschutz unterwegs, bin auch während der heißesten Phase der Streiks tagein, tagaus im Zug gefahren und habe mich stets mit meinen Mitreisenden unterhalten. Bei etlichen konnte ich Verständnis wecken zumindest für unsere großen Streikziele wie das Vertretungsrecht kleiner Gewerkschaften. Hier waren vor allem gute Argumente gefragt.

Persönlichen Mut aufbringen musste ich in jenen heißen Wochen und Monaten beim Konflikt mit den Medien. "Der Bahnsinnige" wurde ich genannt in einer Boulevardschlagzeile, weil die geschickte Taktik der streikenden Lokomotivführer, deren Wortführer ich war, tatsächlich das gesamte Land so weit aus dem Takt gebracht hatte, dass die individuelle Mobilität der Bürger nicht mehr gewährleistet war, dass es in der Industrie Produktionsprobleme und damit Umsatzeinbußen gab.

Für die nächste Verhandlungsrunde mit dem Gegner, in unserem Fall: mit dem Management der Deutschen Bahn, braucht man nach einem solchen Tiefschlag tatsächlich Mut und Selbstbewusstsein. Ich konnte beides aufbringen, weil ich die intellektuell reflektierte, schlagkräftige Mannschaft in unserer Gewerkschaftszentrale zu jedem Zeitpunkt und zu 100 Prozent hinter mir wusste. Und weil mich unsere Mitglieder offen unterstützten. Kein Lokomotivführer oder Zugbegleiter geht durch das Feuer, das uns diese Streiks gebracht haben, für einen Gewerkschaftsvorsitzenden, der nicht genau jene Ziele mit aller Vehemenz vertritt, die ihm wichtig sind.

Auch während der heißesten Tage des Streiks bin ich ohne Personenschutz im Zug gefahren.

Außerdem habe ich mich in diesen turbulenten Momenten meines Vorbilds in Sachen Mut erinnert: Ich fühlte mich ein bisschen wie Martin Luther, als der dem deutschen Kaiser die Stirn bot und sagte: "Hier stehe ich und kann nicht anders." Das historische Ergebnis von Luthers Zitat ist bekannt: Die absolute Macht der katholischen Kirche bekam ihren entscheidenden Schlag, ihr Niedergang begann.

Einmal war ich jedoch tatsächlich drauf und dran, den Mut zu verlieren: als "Focus Online" meine Privatadresse veröffentlichte, wofür es später eine Rüge des Presserats gab. Ich war zu dem Zeitpunkt, zu dem meine Privatsphäre so grob verletzt wurde, in Berlin, meine Frau in unserem Zuhause in Leipzig – und ich konnte ihr in dieser Situation keinen Schutz bieten. Ich hatte Sorge, ein aufgebrachter, für Argumente unzugänglicher Mob könnte von diesem Augenblick an Leib und Leben, Hab und Gut meiner Familie gefährden.

Doch die Entlastung folgte zum Glück prompt: Ein hoher Polizeioffizier rief mich an und versicherte: "In diesem Moment, Herr Weselsky, fährt der erste Streifenwagen an Ihrem Haus vorbei. Wir beschützen alles, was Ihnen lieb und teuer ist." Da wusste ich plötzlich wieder: Ich stehe nicht auf der falschen Seite. Unser Rechtsstaat schützt mich und die Meinen. Also habe ich bei der unmittelbar anstehenden Pressekonferenz den nächsten Streik angekündigt und mich danach mit meinen beiden Stellvertretern zu Fuß auf die andere Seite des Berliner Tiergartens, aufs Dach unseres Hotels zurückgezogen. Dort konnten wir die ganze Hysterie unbehelligt hinter uns lassen.

In der Bilanz ist unsere Strategie aufgegangen. Wir konnten einen Tarifvertrag für unsere Lokomotivführer, aber auch für Zugbegleiter und Bordgastronomen schließen, die bei uns organisiert sind. Insofern haben wir gesiegt. Unsere Mitglieder sehen das ähnlich – und haben mich im Jahr 2017 mit 95 Prozent der Stimmen wiedergewählt. Auf dieses Wahlergebnis bin ich stolz.

Außerdem freue ich mich, dass ich die Kampagne der Medien überlebt habe, die mich während dieses Konflikts in jeder erdenklichen Form angegriffen und diffamiert haben. Aber auch hier zählt das Ergebnis: Ich habe, so könnte man dies zuspitzen, die persönlichen Attacken der "Bild"-Zeitung überstanden. Im Unterschied zu Altbundespräsident Christian Wulff, dem im Jahr 2012 Ähnliches nicht gelungen ist. © HBM 2020

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