Antonia Götsch

Lead Forward Ich schämte mich – und das war gut so

Ein Feedback anzunehmen fühlt sich oft so unbequem an wie Sand im Schuh. Die gute Nachricht: Es lohnt sich. Wenn wir uns überrascht fühlen, Frust oder Angst erleben, lernen wir am meisten.

In meiner Coaching-Ausbildung saß ich immer neben Ramon, einem unglaublich belesenen und klugen Mitschüler. Ich lernte von ihm fast genauso viel wie von den erfahrenen Dozenten. Gleich zu Beginn der Jahresausbildung öffnete er mir die Augen für einen Fehler, den ich beging.

Für Coaches wie für Führungskräfte ist Feedback zu geben eine der wichtigsten Kompetenzen. Deswegen trainierten wir es ständig. Nach jeder Übung, nach jedem Vortrag und nach jedem Probecoaching meldeten wir unsere Eindrücke zurück. Eines Morgens war ein Mitschüler dran. Ich notierte fleißig, was ich beobachtete: negative Körpersignale, zu wenig Fragen gestellt, nur geschlossene Fragen genutzt, unsicheres Auftreten – mein Feedback fiel vernichtend aus. Später zog mich Ramon beiseite. "Hast du nicht gesehen? Dem standen die Tränen in den Augen. Du hast es total überzogen." Ich spürte, wie kribbelnde Röte aus meinem Bauch in den Kopf aufstieg. Ich schämte mich.

Ich hatte nur mich selbst im Blick

Bei meinem Feedback hatte ich vor allem auf mich selbst geachtet: Begeistert wollte ich das Erlernte gleich umsetzen. Eifrig und stolz notierte ich jeden Fehler, den ich entdeckte – als handle es sich um ein Suchspiel.

Mit etwas Abstand würde ich sagen: Stolz und Eifrigkeit sind menschlich. Aber gerade weil solche Muster in jedem von uns schlummern, sollten wir uns bewusst machen, wie wir auftreten und welche Signale wir senden.

Ein Feedback anzunehmen oder sich selbst eine Schwäche einzugestehen, fühlt sich oft so unbequem an wie Sand im Schuh. Die gute Nachricht: Es lohnt sich. Wenn wir uns überrascht fühlen, Frust erleben oder Angst spüren einen Fehler zu machen und zu scheitern, lernen wir am meisten, haben die Wissenschaftler James Bailey und Scheherazade Rehman in einer aktuellen Studie  herausgefunden.

Ich erinnerte mich an Ramons Rückmeldung, weil ich in diesem Moment Frust empfand und mich für meinen Fehler schämte. Das war unangenehm. Aber ich habe in diesem Moment wirklich etwas verstanden und gelernt. Ich entschuldigte mich bei meinem Mitschüler für meine Feedback-Keule – und denke seitdem viel häufiger darüber nach, wie ich mein Feedback so gestalte, dass mein Gegenüber etwas daraus ziehen und es annehmen kann.

PS: Die Studie zeigt auch: Selbstreflexion ist das, was herausragende Managerinnen und Manager von durchschnittlichen abhebt. Hier geht es direkt zu dem spannenden Text  über eines der wichtigsten Skills überhaupt. Wenn Sie Ihr Feedback, zum Beispiel vor dem nächsten Jahresgespräch, optimal vorbereiten wollen, finden Sie im Leitfaden von Harvard-Dozent Frank Cespedes  praktische Tipps.

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