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Regisseur Andreas Dresen über Zusammenarbeit Dünkelhaftes Auftreten unterbinde ich sofort

Filmregisseur Andreas Dresen ("Halbe Treppe", "Sommer vorm Balkon") arbeitet am liebsten mit bewährten Teams. Sein Job, einzelne Stars und Berufsgruppen zu vereinen, beginnt lange vor dem Dreh.
aus Harvard Business manager Spezial 1/2021
Andreas Dresen, Filmregisseur

Andreas Dresen, Filmregisseur

Foto: Birgit Kleber / VISUM

Beim Dreh an einem Filmset gilt es unterschiedliche Berufsgruppen und damit auch unterschiedliche Charaktere zusammenzubringen, die manchmal auch noch verschiedene Interessen verfolgen: Die Schauspieler vor der Kamera wissen, dass sie mit dem Gezeigten oft lebenslang identifiziert werden – und stehen entsprechend unter Druck. Die übrigen Kreativen wie etwa die Kameraleute, Szenen-, Kostüm- und Maskenbildner, möchten möglichst viele von ihren Ideen im fertigen Film wiederfinden.

Nach dem Dreh kommen dann noch die Filmmusiker, Tonmischer und Cutter mit ihren kreativen Impulsen hinzu. All das muss vom Regisseur koordiniert wer-den – bei Außendrehs oft unter widrigen Bedingungen wie schlechtem Wetter oder falschem Licht.

Meiner Erfahrung nach gelingt die Zusammenarbeit am besten, wenn man im Vorfeld gute Verabredungen über Drehplan und Budget trifft und wenn am Set dann ein möglichst umfassendes, verlässliches Gemeinschaftsgefühl herrscht, idealerweise wie in einer Familie.

Das Entstehen dieses kritischen und zugleich solidarischen, von Sympathie geprägten Teamgeists ist vielleicht die wichtigste Voraussetzung für ein erfolgreiches Arbeiten als Regisseur – und zugleich eines der größten Geheimnisse des Berufs. Es geht darum, schon vor Drehbeginn eine gemeinsame Intention für das Projekt, für den Film herzustellen – künstlerisch, menschlich, politisch. Alle Beteiligten, bis hin zum Beleuchter, sollen mitgenommen und ermutigt werden, sich jederzeit voll einzubringen.

Am besten gelingt mir das mit Menschen, mit denen ich schon vorher gut zusammengearbeitet habe, dann gibt es ein gewachsenes Vertrauen. Ich greife daher möglichst oft auf bewährte Mitarbeiter zurück, auch bei den Schauspielern. Kann ich jemanden vorher nicht richtig einschätzen, hole ich mir auch mal Rat bei Kollegen. Ich würde nie jemanden engagieren, mit dem ich menschlich nicht klarkomme. Die charakterlichen und seelischen Qualitäten sind beim Film mindestens genauso wichtig wie die professionellen.

Natürlich versucht man, keine Diven zu engagieren. Doch die sind ohnedies recht selten und allenfalls in der gehobenen Mittelklasse zu finden. Die wirklich guten Leute sind meist nicht nur professionell, sondern auch kollegial und umgänglich.

Dünkelhaftes Auftreten finde ich völlig inakzeptabel. Wenn beispielsweise ein Schauspieler die Techniker, Masken- oder Kostümbildner schikaniert oder geringschätzig behandelt, dann unterbinde ich das sofort. Filmarbeit ist Teamarbeit, da müssen alle Beteiligten dieselbe Wertschätzung erfahren. Dafür bin ich als Regisseur verantwortlich.

Zusammenarbeit

Die Mehrheit aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer weltweit erledigt den größten Teil ihrer Tätigkeit in Teams. Dabei kann Großes entstehen oder es scheitert an den kleinsten Dingen. Gutes Teamwork ist kein Selbstzweck, sondern ein fragiles Konstrukt, um das man sich kümmern muss.

Wir haben alles Wichtige für Sie zu diesem Thema zusammengestellt.

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Generell gebe ich den Umgangston vor. Ich delegiere zum Beispiel den Aufruf "Ruhe bitte, wir drehen!" nicht an den Aufnahmeleiter, sondern kann damit selbst die Arbeitsatmosphäre bestimmen: gelassen oder gespannt, konzentriert oder heiter bis amüsiert. Ansonsten pflegen wir am Set bei aller Vertrautheit und Nähe einen kritischen, ehrlichen Umgang miteinander. Wir schenken uns nichts und streiten über den besten künstlerischen Weg. Ich knalle auch schon mal Türen, habe danach aber auch genug Humor, um selbst über mein Ausflippen zu lachen. Die offensive Auseinandersetzung mit den Ideen, die während eines Produktionsprozesses auftauchen, ist ja ein wichtiger Teil des künstlerischen Prozesses.

Neben dem richtigen Umgang mit Autorität sind die Antennen für die jeweilige Situation eine maßgebliche Qualifikation, die jeder Regisseur mitbringen sollte. Er muss in den Augen des Gegenübers sehen können, was der in diesem Moment genau braucht, um seine Arbeit am besten machen zu können: Vielleicht ein Lob, einen entspannenden Witz oder auch mal eine Umarmung. Das kann man nicht systematisch lernen, ich konnte es mir aber zum Glück abgucken bei meinem Lehrer, dem Defa-Regisseur Günter Reisch. Der trat beim Drehen immer sehr liebevoll auf, das hat mir gut gefallen.

Die größte Bedrohung der Kreativität sind ohnehin die Versagensängste, die jeder mit sich rumschleppt. Humor  hilft dagegen sehr, indem man beispielsweise über Fehler lacht und damit klarstellt, dass wir gemeinsam auf der Suche sind und dass Scheitern eben manchmal dazugehört. Man muss möglichst entspannt sein, um auch mal Risiken einzugehen. Ohne Risiken kann kein guter Film entstehen.

Spezial 2021

Die Kraft des Wir

Zusammenarbeit: Wie Teams gemeinsam Großes schaffen

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Dieser Artikel erschien im Spezial 2021 des Harvard Business manager.

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