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Constanze Buchheim

Kommentar Die Zeit der großen Egos ist vorbei

Zukunftsfähige Organisationen haben im Innovationszeitalter eines gemeinsam: Sie setzen auf Machtgleichgewichte statt auf Machtspielchen. Denn nur aus Stabilität entsteht gesellschaftlicher Fortschritt.
aus Harvard Business manager Spezial 1/2019
Foto: TonyLomas / Getty Images/iStockphoto

Für Macht gilt im Prinzip der gleiche Grundsatz wie für Geld: Sie ist niemals weg, es hat sie nur jemand anderes. Entscheidend dabei ist, wie man an sie kommt und zu welchem Zweck man sie einsetzt – das gilt gleichermaßen für Politiker wie Unternehmer. Schon Abraham Lincoln wusste: "Willst du den Charakter eines Menschen erkennen, gib ihm Macht."

Die Geschichte zeigt – und da unterscheidet sich die Privatwirtschaft nicht großartig von der Politik –, dass es grundsätzlich zwei Möglichkeiten gibt, mit Macht umzugehen. Im Business herrschte lange der populäre Grundsatz von Milton Friedman: "The business of business is business." Frei übersetzt könnte man sagen: Denkt jeder an sich, ist an alle gedacht – Unternehmen erwirtschaften Gewinne, damit ist ihre Schuldigkeit getan.

Die Haltung, dass Macht ein Mittel zur Verfolgung von Einzelinteressen ist und so auch eingesetzt wird, hat uns bis heute getragen. Allerdings nur bis hierhin – und nicht weiter. Um die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen meistern zu können, brauchen wir nun, mehr als jemals zuvor, eine zukunftsfähige Definition von Macht.

Eine Definition, die Macht als Möglichkeit versteht, die Umstände so gestalten zu können, dass jeder an jeden denkt, die das "Ich" und das "Wir" ausbalanciert. Eine Definition von Macht, die uns allen Verantwortung für gesellschaftliche Weiterentwicklung auferlegt, auch wenn diese Art von Macht unbequemer sein mag für den, der sie hat.

Der Arbeitsmarkt: Das Ende der Sonnenkönige

Es ist wichtig, dass sich vor allem Unternehmer und Manager die unterschiedlichen Konzepte von Macht und Verantwortung bewusst machen. Denn die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen wird im digitalen Zeitalter nicht auf den Finanz- oder Rohstoffmärkten entschieden, sondern auf dem Arbeitsmarkt – und der kennt in seiner Historie bisher nur ungleich verteilte Macht. Aktuell findet jedoch Großes statt: die Demokratisierung der Arbeitswelt. Damit einher gehen nie da gewesene Chancen für Menschen in Organisationen, Einfluss auf unsere gesellschaftliche Entwicklung zu nehmen.

Es gibt nach wie vor genügend Manager, die getreu dem Motto agieren "Das Unternehmen bin ich" – man kann sie getrost als die Sonnenkönige der Privatwirtschaft bezeichnen. Dieses Prinzip findet man bisweilen auch noch in der New Economy, die eigentlich als sehr egalitär gilt. Auch hier werden alte Muster wiederholt.

Elon Musk  ist ein aktuelles Beispiel dafür: Bei Tesla agiert er als Einzelkämpfer, der sowohl Investoren als auch Mitarbeiter permanent überfordert. Nicht weniger als fünf Topmanager hat Musk binnen weniger Wochen verloren. Doch er steht dafür im öffentlichen Kreuzfeuer, hat bereits seinen Aufsichtsratsposten räumen müssen, der große Knall naht. Musk mag ein technisch brillanter Visionär sein – aber zukunftsfähiges Management sieht eben anders aus.

Die Stimmen gegen ein solches Vorgehen werden immer lauter. Fachkräftemangel, Transparenz und demografische Veränderungen führen am Arbeitsmarkt gerade dazu, dass das Machtpendel zu den historisch "Schwachen", den Arbeitnehmern, hinüberschwenkt. Nicht umsonst heißt eine in diesem Jahr erschienene Dokumentation über die New-Work-Bewegung "Die stille Revolution".

Nun ist es (wie bei vielen Revolutionen) leider nicht so, dass eine Disbalance von Macht zugunsten der Arbeitnehmer zwangsläufig bessere Ergebnisse erzielt. Es besteht die Gefahr, dass die Revolutionäre ihre neu gewonnene Macht mit dem gleichen Egoismus einsetzen, unter dem sie zuvor gelitten haben. Wir erleben das gerade besonders in Berlin, dem deutschen Zentrum der Start-ups und Digitalökonomie, wo der Fachkräftemangel schon heute dramatisch ist. Immer häufiger ist die Erwartungshaltung von Mitarbeitern, dass sie von ihrer Firma glücklich gemacht werden wollen. Maxime: "Ich will viel Freiheit ohne Verantwortung." Logik: "Was kannst du mir bieten?"

Die Tendenz geht dahin, Arbeitgeber lediglich danach zu bewerten, wie viele "Goodies" sie für ihre Mitarbeiter bereithalten – vom unbegrenzten Jahresurlaub bis hin zur Selbstverständlichkeit, seinen Hund mit ins Büro zu bringen.

Ist das gesellschaftlicher Fortschritt?

Führungsprinzip Verantwortung

Aus meiner Sicht trägt uns keines der Ungleichgewichte ins Innovationszeitalter. Mit dem Erreichen der maslowschen Pyramidenspitze haben wir unsere grundlegenden Bedürfnisse befriedigt – aktuell geht es uns um Selbstverwirklichung. Aber Selbstverwirklichung und Glücksstreben sind rein egoistische Konzepte, die das Ich in den Vordergrund stellen. Sie lassen außen vor, dass wir alle immer Teil einer Gemeinschaft sind. Selbstverwirklichung und Glücksstreben werden damit nicht den Anforderungen gerecht, vor die uns die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Umstände stellen.

Vielmehr brauchen wir ein Konzept, das die anderen in das eigene Glücksstreben einbezieht. Wir können uns nur entwickeln, wenn die Verantwortlichen in der Lage sind, große Zusammenhänge zu erkennen. Eine "Wir gegen die"-Mentalität führt zur Wertvernichtung.

Wahrer Fortschritt bedingt also ein Führungsverständnis, das Verantwortung als den Preis für Macht und damit Freiheit anerkennt – und zwar Verantwortung für das gemeinschaftliche Miteinander in einer Gesellschaft, nicht für die Gewinnmaximierung einer kleinen Gruppe. Die Freiheit des Einzelnen bleibt richtig und wichtig, aber sie muss da aufhören, wo sie die Freiheit von anderen begrenzt.

In der Vergangenheit brauchte es dafür Menschen vom Kaliber eines Nelson Mandela: Menschen, die genug Größe und Weitblick besaßen, mit der Verantwortung, die sie hatten, im entscheidenden Augenblick gerecht umzugehen – und so eine neu entstehende Demokratie in einem Land überhaupt erst möglich zu machen.

Der Wirtschaft mangelt es leider noch an solchen Beispielen, weil uns jahrelang eingetrichtert wurde, dass Wirtschaft Wettbewerb bedeutet, in dem es Gewinner und Verlierer gibt. Dass, wer Macht freiwillig abgibt, automatisch ein Verlierer ist. Dabei kehrt sich diese Logik im Innovationszeitalter um: Die Demokratisierung der Arbeitswelt und damit New Work ist eine absolut notwendige Bewegung, um den Herausforderungen einer unübersichtlichen und volatilen Welt zu begegnen. Kein einzelner Mensch, egal ob Chef oder Mitarbeiter, kann allwissend sein und immer sofort die richtige Lösung für ein komplexes Problem parat haben. Doch die New-Work-Bewegung verschenkt ihr Potenzial, wenn sie ihre neu gewonnene Macht für das Aufstellen von Tischkickern einsetzt – genauso wie die Sonnenkönige ihre Konzernimperien durch Machtspiele ruinieren.

Die Zukunft fordert, dass wir sie verantwortungsvoll gestalten. Lasst uns deshalb anfangen, für eine Sache zu kämpfen, die größer ist als wir selbst – nur damit schaffen wir Stabilität in unsicheren Zeiten.

Dieser Artikel erschien in der Spezial-Ausgabe "Macht" 2019 des Harvard Business managers.

© HBM 2019

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