Antonia Götsch

Lead Forward Diese Gelegenheit hätte ich besser ausgelassen

Ich liebe es, kreativ zu sein und Ideen auszuprobieren. Ich liebe es aber auch, strategische Ziele zu erreichen. Das geht nicht immer gut zusammen. Weniger ist mehr.

"Sind Sie vielleicht Frau Götsch?", fragte die blonde Frau, die zeitgleich mit mir die Haustür erreichte. Siedend heiß fiel es mir ein: Ina! Ebay! Übergabe! Sie wollte unseren alten Fahrradsitz kaufen. Hektisch suchte ich einen Schraubenzieher, um die Halterung an meinem Fahrrad abzumontieren. Ich hatte den Termin völlig vergessen und war nicht vorbereitet. Es war einfach zu viel los diese Woche: Die Einschulung unseres Sohnes, Großeltern, Tanten und Paten zu Gast, zwei Abende gemeinsam essen und feiern, dazu noch zwei Workshops bei der Arbeit. Uff. "Wieso gibst du jetzt noch Kleinanzeigen auf, spinnst du?", schimpfte meine Frau, die in solchen Dingen meist klüger ist als ich.

Ja, warum? Weil ich aufräumte, bevor die Familie anreiste und dachte: Das ist doch die beste Gelegenheit, die alten Sachen loszuwerden. Ich schätzte meine Kapazitäten gnadenlos optimistisch ein. Gelegenheiten, so jedenfalls meine Erfahrung, können günstig – aber auch gefährlich sein. Weil sie unseren Fokus verschieben und wir dann zwar alles, aber nichts richtig machen.

Weglassen, streichen, durchhalten

Mein Kollege Ingmar Höhmann startet diese Woche unseren neuen Newsletter "Strategie zum Frühstück". Alle zwei Wochen teilt er Methoden, Ideen, Artikel und praktische Tipps, wie Sie eine Strategie entwickeln und erfolgreich umsetzen. In einer der ersten Ausgaben geht er auf eines der vielleicht wichtigsten Strategie-Learnings ein: "Die Essenz der Strategie besteht darin zu entscheiden, was nicht zu tun ist", schrieb Michael Porter, anerkannter Guru der Managementprofessoren, schon 1996 in seinem Standardwerk "Was ist Strategie? ".

Weglassen, streichen, durchhalten. Ich glaube an kaum einem Thema habe ich die vergangenen Jahre mehr gearbeitet. Ich liebe es, kreativ zu sein und Ideen auszuprobieren. Ich liebe es aber auch, Ziele zu erreichen. Das geht nicht immer gut zusammen. Weniger ist mehr.

Früher sah meine strategische Planung oft so aus wie meine vergangene Woche. Ich verfolgte mit meinem Team Dutzende Projekte und entwickelte stetig neue Ideen. An Kreativität gibt es in Redaktionen selten einen Mangel. Die Kehrseite: Wir führten gute Projekte nicht zu Ende, wir waren erschöpft, weil wir zu viel gleichzeitig taten und manchmal blieben gerade die allerwichtigsten To-dos liegen, die uns strategisch voranbringen sollten.

"Strategie erfordert ständige Disziplin", sagt Porter. Disziplin, an Zielen festzuhalten. Disziplin, Ideen auszusieben. Disziplin, Projekte und vielleicht sogar ganze Geschäftsfelder wegzuzulassen. Der Unterschied zwischen einer erfolgreichen und einer gescheiterten Strategie liegt meist nicht an den Ideen, sondern an der fehlenden Umsetzung.

Heute arbeite ich mit strategischen Leitlinien, Zielen und nutze Methoden, um Ideen auszusieben. Ich bitte Kolleginnen und Kollegen um Hilfe, uns als Team mit ihrem Blick von außen zu unterstützen. Ich gebe zu: Ich zettele noch immer Chaos an, aber viel seltener als früher – und meist zu Hause.

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