Antonia Götsch

Lead Forward Der Kleine-Lord-Effekt

Wenn Führungskräfte ihren Teammitgliedern konsequent mit Freundlichkeit und Wohlwollen begegnen, bringt das deren beste Seiten hervor. Schon kleine Gesten zeigen große Wirkung.

Liebe Leserin, lieber Leser,

langsam bringe ich mich zurück auf Bürotemperatur. Lasse Kekse, Fondue, das Weihnachtsliedersingen mit meinen Nachbarn, Skilifte und Spieleabende hinter mir. Nur eine Tradition habe ich vergangenes Jahr ausgelassen: Mir den Weihnachtsfilm "Der kleine Lord" anzuschauen. Und da mich das irgendwie stört, widme ich dem jungen Lord Fauntleroy wenigstens noch einen Newsletter.

Wer meinen Newsletter schon sehr lange liest, kennt die Geschichte vielleicht (aber so ist das nun einmal mit den Traditionen – sie leben auch von der Wiederholung).

Einmal, im Winter, saß ich mit meiner Freundin Dörthe in Erfurt beisammen. Ich berichtete ihr vom Streit mit einem Kollegen. Ich hatte mich so über ihn geärgert, dass ich meinen Zorn über 400 Kilometer weit von Hamburg bis nach Thüringen in meinen Urlaub mitschleppte. Ich war wütend. Ich war enttäuscht. Ich war gekränkt. "Ich würde meinen Groll gern loslassen", sagte ich ihr. "Schon allein, um mir den Urlaub nicht weiter zu verderben."

"Kennst du den Film 'Der kleine Lord'?", fragte mich Dörthe. Natürlich! Mir stehen jedes Mal die Tränen in den Augen, wenn dem kleinen Lord das Unglaubliche gelingt: Er schafft es, dass sich sein verknöcherter, geiziger und ungerechter Großvater in einen gutmütigen und freigiebigen Patriarchen verwandelt.

In Konflikten zeigen wir uns von unserer schlechtesten Seite

Ich ahnte, was Dörthe mir sagen wollte: Der kleine Lord geht nicht auf das grimmige Verhalten seines Großvaters ein. Er spricht mit seinen Worten und Taten den Großvater stets so an, wie er ihn sich wünscht – und adressiert damit die guten Seiten, die der alte Mann eben auch mitbringt. Dieses Prinzip funktioniert nicht nur im Märchen. Wissenschaftliche Studien haben immer wieder nachgewiesen, dass Menschen viel mehr erreichen, wenn andere an sie glauben.

Der Harvard-Forscher J. Sterling Livingston untersuchte bereits in den 1970er Jahren den sogenannten Pygmalion-Effekt  im Management. Er zeigte: Je mehr Führungskräfte von ihren Mitarbeitenden erwarteten, desto besser fielen deren Leistungen aus. Trauten Chefinnen und Chefs ihren Teammitgliedern wenig zu, sanken die Arbeitsergebnisse.

Ein weiterer Punkt: Jeder Schritt, jede kleine Form von Verhalten kann die Richtung der Beziehung ändern. In ihrer Studie und ihrem Artikel Kleine Geste, große Wirkung  haben die Managementprofessoren Kerry Roberts Gibson und Beth Schinoff sogenannte Mikrohandlungen untersucht und festgestellt: Danke zu sagen, wenn jemand Ihnen die Tür aufhält, oder Verständnis zu zeigen, wenn jemand zu spät zu einem Meeting erscheint, kann Menschen einander näher bringen. Jede Geste kann dazu beitragen, Vertrauen aufzubauen und dafür sorgen, dass sich Menschen von ihrer besten Seite zeigen.

Ich habe mir damals nach dem Gespräch mit Dörthe vorgenommen, beim nächsten Konflikt einen Gute-Gedanken-Vorschuss zu gewähren. Was ist Ihr guter Führungsvorsatz für 2023?

­Herzliche Grüße,
Antonia Götsch
Chefredakteurin Harvard Business manager

Ausgabe Januar 2023

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