Zur Ausgabe
Artikel 4 / 27
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Der beste Rat, den ich je bekommen habe "Wie würde Jesus dieses Gespräch führen?"

Nehmen Chefinnen und Chefs selbst Ratschläge an? Und was macht einen guten Rat eigentlich aus? Wir haben uns in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft umgehört. Familienunternehmerin Nicola Leibinger-Kammüller verlässt sich in schwierigen Situationen auf ihren Glauben.
aus Harvard Business manager Spezial 1/2022
Nicola Leibinger-Kammüller führt den Werkzeugmaschinenhersteller Trumpf.

Nicola Leibinger-Kammüller führt den Werkzeugmaschinenhersteller Trumpf.

Foto: Verena Müller / laif

Harvard Business manager: Was war der beste Rat, den Sie je erhalten haben?

Nicola Leibinger-Kammüller: Die besten Ratschläge habe ich bekommen, bevor ich die volle Verantwortung für das Unternehmen übernommen habe. Ich befolge sie bis heute. Der erste kam von meinem Vater, als nach dem Abitur die Entscheidung fürs Studium anstand. Vielleicht, so ein zwischenzeitliches Gefühl, hätte ich mich für Betriebswirtschaftslehre einschreiben sollen oder für den in unserer Branche wichtigen Maschinenbau.

Mein Vater riet mir jedoch, ein Fach zu wählen, für das ich wirklich brenne. Also studierte ich deutsche, englische, amerikanische und japanische Literatur. Davon profitiere ich fast täglich, denn die Literatur bietet Antworten, Vorschläge und Muster für alle Probleme des täglichen Lebens, auch zu betrieblichen Belangen und Führungsfragen. Denken Sie etwa an Thomas Manns "Buddenbrooks". Dort finden Sie alles zum Glanz und Elend eines Familienunternehmens. Außerdem beflügelt mich Literatur.

Sie sprachen von mehreren guten Ratschlägen. Welche haben Sie sonst noch erhalten?

Der zweite, bis heute wichtige Rat kam von meiner Mutter. Sie empfahl, all mein Denken und Handeln auf das Fundament unseres christlich-protestantischen Glaubens zu stellen. Auch dies hilft mir in nahezu jeder Situation. Allein die Zehn Gebote der Bibel enthalten Leitlinien in etlichen Dimensionen, viele lassen sich auch auf die Unternehmenskultur übertragen. Allerdings enthalten sie auch ein Höchstmaß an Herausforderungen.

Wie setzen Sie Ihre christlichen Leitlinien im Führungsalltag konkret um?

Vor schwierigen Begegnungen oder Verhandlungen frage ich mich durchaus gelegentlich: Wie würde Jesus dieses anstehende Gespräch führen? Diese Frage zwingt meine Gedanken in die Richtung christlich-humanitärer Werthaltungen. Die sind mir wichtig, auch wenn es im Alltag furchtbar viel Kraft kostet, immer danach zu handeln.

Gab es noch mehr gute Ratschläge?

Ja, doch hat mir den dritten Rat nicht eine einzelne Person gegeben. Es war mehr eine kollektive Empfehlung, die mir Vertraute aus meiner Umgebung aussprachen, als ich an der Schwelle zur unternehmerischen Veranwortung stand. Sie rieten mir, all die schlauen Ratgeber in Buchform oder als persönliche Consultants links liegen zu lassen und stattdessen authentisch zu sein. Das zu meinen, was ich sage, und dann auch zu tun, wovon ich spreche. Mich nicht zu verstellen, auf meine innere Stimme zu hören, meine Gefühle nicht zu verdrängen und nicht zu verhehlen. Auch diesen Rat habe ich versucht zu befolgen.

„Ein für mich sehr wichtiger Ratschlag besagte, all die schlauen Ratgeber links liegen zu lassen und stattdessen authentisch zu sein." 

Eckt man mit dieser Form der Authentizität nicht an?

Ich sage oft mehr, als ich darf oder als in der jeweiligen Situation guttut. Zwar versuche ich immer, mein Gegenüber nicht zu verletzen. Doch muss man sich, wenn man so direkt ist, auch entschuldigen können. Summa summarum mache ich mit meiner offenen, ehrlichen Art jedoch mehr gute Erfahrungen als schlechte. Ich bin eben nicht persilweiß, aber wer ist das schon?

Was gilt es zu beachten, wenn man selbst einen guten Rat geben will?

Man muss immer damit rechnen, dass der Rat ausgeschlagen oder nicht beachtet wird. Die besten Ratgeber sind jene Menschen, die nicht erwarten, dass ihre Empfehlungen angenommen werden. Und die besten Ratschläge sind jene, die eine mögliche Lösung anbieten – ohne diese als einzigen Weg anzuordnen.

Geben Sie Ratschläge?

Oh ja, oft mehrfach pro Tag! Ich bin häufig etwas übergriffig, wie ich einräumen muss. Ich nehme zum Beispiel die Antwort auf meine Frage "Wie geht es Ihnen?" total ernst. Ich höre möglichst genau auf Zwischentöne und Pausen und bin im Idealfall nah an meinem Gegenüber dran. Dann, aber auch nur dann, gebe ich sofort und gern Rat. Oft rate ich zu Gelassenheit, also zu einer bestimmten, wohlmeinend-interessierten Distanz zu einem Thema oder Problem.

Welche Ratschläge geben Sie häufiger jungen oder neuen Mitarbeitern?

Denen rate ich von vorgefertigten Karriere- und Lebensplänen ab. Es ergibt aus meiner Sicht keinen Sinn, sich vorzunehmen, in wenigen Jahren ein Team zu leiten, dann eine Abteilung und irgendwann einen ganzen Bereich. Ein solches Schachtel- oder Kästchendenken, solch lineare Entwicklungs- oder gar Aufstiegsideale können nach meiner Auffassung nur unglücklich machen. Also rate ich jungen oder neuen Mitarbeitern, jeweils die gerade anstehende Aufgabe so gut wie möglich zu lösen und diese mit Begeisterung anzupacken. Dann wird man auf sie aufmerksam, und aus dieser Aufmerksamkeit ergibt sich meist ein sehr viel sinnvollerer und attraktiverer Karriere- und Lebensweg als aus kalt abgesteckten Plänen.

Gibt es Siutationen, in denen Sie unempfänglich sind für Ratschläge?

Auch hier kann ich mit einem überzeugten Ja antworten. Mein Temperament macht es mir manchmal schwer, in den oft hitzigen Debatten mit meinem Mann dessen Ratschläge anzunehmen. Etwa: Ich solle doch einfach mal zuhören, was er zu sagen hat. Oder gar: Ihn ausreden lassen! Mein Hitzkopf kommt mit so was ganz und gar nicht klar. Doch bin ich froh, weil ich genau weiß, dass wir uns schon bald immer wieder vertragen, uns aneinander und miteinander freuen können. © HBm 2022

Spezial Leadership

Führen wie ein Coach

Wie Sie das Beste aus sich und Ihrem Team herausholen

Zur Ausgabe Jetzt abonnieren

Dieser Artikel erschien im Spezial 2022 des Harvard Business managers.

Zur Ausgabe
Artikel 4 / 27
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.