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Der beste Rat, den ich je bekommen habe "Nur Irritationen bringen weiter"

Nehmen Chefinnen und Chefs selbst Ratschläge an? Und was macht einen guten Rat eigentlich aus? Wir haben uns in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft umgehört. Christian Boros, Kommunikationsdesigner, hat gelernt, zu Kundenwünschen häufiger mal Nein zu sagen.
aus Harvard Business manager Spezial 1/2022
Foto: Rolf Vennenbernd / dpa / picture alliance

Harvard Business manager: Herr Boros, als Chef einer Kommunikationsagentur steht die Beratung Ihrer Kunden im Zentrum Ihres Geschäftsmodells. Worauf kommt es dabei an?

Christian Boros: Kommunikationsberatung ist eine Dienstleistung. Dabei ist es wichtig, nicht etwa zu dienen, sondern zu leisten. Die Voraussetzung dafür ist die Fähigkeit, deutlich Nein zu sagen, auch zu den ursprünglichen Wünschen und Vorstellungen des Kunden. Hinter meinem Schreibtisch hängt deshalb das Wort "NO" in großen Metall-Lettern an der Wand.

Folgen Ihre Kunden Ihrem Rat, wenn der mit einem Nein beginnt?

Die deutliche Mehrzahl schon, aber leider nicht alle. Viele unserer Kunden sind gestandene Unternehmer, die ihre Produkte, oft auch ihre Strategien, wie ihre Babys betrachten. Denen soll nichts passieren.

Haben Sie ein Beispiel für Ihre konfrontative Beratung, die dennoch zu einem Happy End führte?

Einer von diesen gestandenen Unternehmern wollte von uns das Konzept für die Einführung eines Produkts, das unsere Agentur nach eingehender Analyse aber nicht auf der Höhe der Zeit fand. Das machten wir ihm unmissverständlich klar – legten aber gleichzeitig detailliert dar, wie und mit welchen Zielen wir bei der Produktverbesserung helfen würden, etwa bei einer neuen Verpackung ohne Plastik. Nachdem wir ein Jahr lang das Produkt in mehreren Dimensionen gemeinsam weiterentwickelt hatten, kam etwas auf den Markt, das bis heute erfolgreich ist.

Welchen guten Ratschlag haben Sie als Unternehmer selbst befolgt?

Ich orientiere mich an einem Satz der New Yorker Konzeptkünstlerin Jenny Holzer: "Protect me from what I want!" Ich verstehe Holzers Aufforderung so, dass sie sich vor dem Feind in sich selbst schützen will. Etwa vor dem süßlichen Elixier der Eitelkeit, das in uns lauert, uns trunken macht vor Selbstüberschätzung.

Sind Unternehmerpersönlichkeiten vergleichbar mit Künstlerinnen wie Jenny Holzer?

Es gibt unglaubliche Parallelen: Beides sind Tätertypen. Sie haben keine Chefs, arbeiten so selbstständig wie möglich und beanspruchen Autorenschaft für ihre Produkte. Bei Unternehmern sind dies Waren oder Dienstleistungen, bei Künstlern eben ihre Werke. Beide signieren quasi ihre Produkte mit ihrem Namen, stellen somit eine maximale Verbindlichkeit her. Ein kreativer Unternehmer geht in seinem ersten Impuls auch nicht nach dem Markt, sondern er horcht wie ein Künstler nur nach innen und folgt dann den Notwendigkeiten, die er dort erkennt. Insofern habe ich auch als Unternehmer am meisten von Künstlern gelernt.

Sie sind als Kunstsammler bekannt. Welchen Rat haben Sie in dieser Rolle befolgt?

In den 80er Jahren habe ich an der Gesamthochschule Wuppertal studiert. Neben dem Ästhetikprofessor Bazon Brock lehrte dort damals auch Martin Kippenberger ...

... der von der populären Kunstkritik als eine Zentralfigur der "Jungen Wilden" eingestuft wurde ...

Kippenberger, der meine unternehmerische Ader erkannte, riet mir: "Wenn du später mal eine eigene Firma hast und ordentlich Geld verdienst, wirst du sicher Kunst sammeln. In dem Fall solltest du nur Kunst kaufen, die du nicht verstehst." Kunst sammeln darf nichts Affirmatives sein, war Kippenberger überzeugt: "Kunst soll dich intellektuell weiterbilden, deine Grenzen verschieben. Dies gelingt nur, wenn du nicht das schöne Gemälde kaufst, das dir auf Anhieb gefällt." Dieses Vorgehen würde nur den eigenen aktuellen Geschmack bestätigen – und in eine Form der Beschränktheit führen. "Unverständliche Kunst hingegen", so Kippenberger, "ist im Idealfall eine intellektuelle Bereicherung."

Was spricht dagegen, Kunst zu kaufen, die Vergnügen bereitet?

In meiner Erfahrung bringen mich nur Irritationen weiter. Sie können neue Welten eröffnen und Mut machen, in ein Schwarzes Loch zu springen. Ich habe keine Angst vor Schwarzen Löchern, auch wenn die moderne Physik diese als astronomische Monster beschreibt. Ich erhoffe mir dahinter Neuland. Ich halte es deshalb auch für ermüdend, eintönig und langweilig, immer wieder an dieselben Stätten zu fahren. Ich möchte niemals einen Ort zweimal bereisen müssen.

Das raten Sie auch Anfängern beim Kunstsammeln?

In dieser Szene halte ich mich zurück. Wenn ich gefragt werde, rate ich zum Mut zur Lücke: Nicht alles sammeln! Eine Haltung entwickeln gegenüber der Vielfalt. Gierig sein nach Neuem. Und: Keine Angst! © HBm 2022

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Dieser Artikel erschien im Spezial 2022 des Harvard Business managers.

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