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Der beste Rat, den ich je bekommen habe "Höre zu, gucke zu, bleibe offen und lernwillig!"

Nehmen Chefinnen und Chefs selbst Ratschläge an? Und was macht einen guten Rat eigentlich aus? Wir haben uns in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft umgehört. Karl-Ludwig Kley, Aufsichtsratsvorsitzender von Eon und Lufthansa, lernte Zuhören bei seinem ersten Job im Ausland.
aus Harvard Business manager Spezial 1/2022
Foto: Thomas Pirot für manager magazin

Harvard Business manager: Herr Kley, was war in Ihrem Leben der beste Rat, den Sie je erhalten haben?

Karl-Ludwig Kley: Einen lebensverändernden Rat habe ich nie bekommen. Ich kann allenfalls mit einer Quersumme aus Ratschlägen dienen, etwa im Sinn von "Höre zu, gucke zu, bleibe offen und lernwillig!"

Wie haben Sie diese Formel entwickelt?

Es begann Mitte der 80er Jahre. Damals war ich in Japan für Bayer tätig. Dort habe ich das Zuhören gelernt, denn Japan ist eine zuhörende Nation. Im Vergleich dazu ist Deutschland eine zutextende Nation, die Menschen sind fast immer auf Sendung. Folglich muss man als Deutscher das Zuhören erst mal lernen. Anderes Beispiel: Neugier. Eines Tages stand Walter Wenninger, damals Pharmavorstand bei Bayer, in meinem Büro in Japan. Er fragte mich, ob ich einmal im Leben "was Richtiges" tun wolle. Als ich erwartungsgemäß bejahte, landete ich im Pharmavertrieb. Dahinter steckte sein Rat, eine andere Perspektive auf das Geschäft zu erwerben; mein Motiv war die Neugier, Neues zu lernen.

Was haben Sie im Vertrieb gelernt?

Ich musste zunächst einen Schnellkurs in Produktkunde absolvieren und dann bei einem Außendienstmitarbeiter hospitieren, um das Geschäft von der Pike auf zu lernen. Gemeinsam mit diesem Pharmavertreter besuchte ich Ärzte in ihren Praxen. Dort habe ich alles erlebt. Von sehr, manchmal auch zu persönlichen Bitten der Ärzte bis zu nur 30 Sekunden währenden Terminen. Gelernt habe ich dort, wie man auf Kundenwünsche reagieren kann und dabei seine eigene Persönlichkeit, ja, manchmal auch seine Würde wahren kann.

Würde, Offenheit, Flexibilität – alles große Dimensionen. Haben Sie auch mal einen praktischen Rat erhalten?

Ja, viele. Und manchmal auch sehr kleinteilige. Ein Chef wies mich zum Beispiel mal darauf hin, ich würde oft an der Nase herumfummeln. Das löse bei manchem Gegenüber, vor allem in anderen Kulturkreisen, unangenehme Assoziationen aus. Der deutsche Begriff der Hochnäsigkeit komme nicht von ungefähr. Darüber hatte ich nie nachgedacht und habe den Rat beherzigt.

Deutsche Aufsichtsräte, so heißt es, führen Aufsicht und geben Rat. Welche Ratschläge geben Sie in dieser Rolle?

Rat ist mindestens so wichtig wie Aufsicht. Der Aufsichtsratsvorsitzende ist öfter als man vielleicht denkt der einzige Sparringspartner für den Vorstand, mit dem dieser vertrauensvoll über alles sprechen kann. Daher ist auch die Palette der Ratschläge groß: von streng fachlichen bis zu sehr persönlichen Themen.

Reden Sie mit Vorständen wirklich über alles?

Jeder Rat muss dem Ratsuchenden wirklich nutzen. Man sollte sich hüten, ungewollte Ratschläge aufzudrängen. Nicht der Ratgeber steht im Mittelpunkt sondern der Ratsuchende.

Zusammen mit Thomas de Maizière, dem ehemaligen Bundesinnen- und verteidigungsminister, haben Sie ein Buch mit dem Titel "Die Kunst des guten Führens" veröffentlicht. Wird Ihre Zielgruppe die dort versammelten Ratschläge annehmen?

Unsere Empfehlungen sind recht präzise, so erhalten wir viele positive Rückmeldungen. Wer ist wirklich dafür offen? Wahrscheinlich nicht alle Adressaten. Denn hinter unseren Empfehlungen steht nicht nur unsere lange Berufserfahrung, sondern auch ein Menschenbild, das man für sich akzeptieren muss. Für uns sind Anstand, Haltung und Verantwortungsbewusstsein absolute Voraussetzungen für gutes Führen. Wer die nicht hat, mag trotzdem politisch oder wirtschaftlich erfolgreich sein. Von guter Führung würde ich in solchen Fällen jedoch nicht sprechen. © HBm 2022

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Dieser Artikel erschien im Spezial 2022 des Harvard Business managers.

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