Antonia Götsch

Newsletter Lead Forward Fühlen Sie sich manchmal wie eine Klagemauer?

Chronische Nörgler machen nicht nur sich selbst das Leben schwer. Unbewusst übertragen sie ihre negativen Gefühle auf Kolleginnen und Kollegen. Daher sollten Sie als Führungskraft eingreifen.

Bestimmt kennen Sie auch einen Kollegen, der ständig nörgelt und nölt. Nichts gegen Unmut oder einen schlechten Tag. Ich spreche hier auch nicht von persönlichen Krisen, die jeder durchmacht, oder Konflikten. Sondern von Menschen, die einen als eine Art menschliche Klagemauer missbrauchen. Ständig. Solche Kolleginnen und Kollegen haben immer etwas zu meckern: Langsame Rechner, Probleme mit dem Telefon, eine Kollegin, die zu laut das Fenster öffnet, Ärger um ein überzogenes Meeting.

Nörgler werden zu Negativitätssüchtigen

Chronisches Jammern hat physiologische Auswirkungen. "Durch die Wiederholung von schlechten, traurigen, wütenden und ohnmächtigen Gefühlen können die Neurotransmitter im Gehirn eine neuronale »Neuverdrahtung« durchlaufen, die negative Gedankenmuster verstärkt", schreibt Manfred Kets de Vries, Professor für Leadership Development und Organizational Change am Insead in seinem neuesten Text . Das lässt weniger Raum für die positiveren Gefühle wie Dankbarkeit, Wertschätzung und Wohlbefinden. "Mit der Zeit werden Nörgler zu Negativitätssüchtigen, angezogen von dem Drama, das mit einer Nörglerhaltung einhergeht."

Wer schimpft, bekommt Aufmerksam­keit. Wer über andere klagt, fühlt sich selbst ein wenig besser. Viele Men­schen verschaffen sich so emotionale Entlas­tung. Anders gesagt: Der Dampf muss halt raus. Und Motzen ist das Ventil für den not­wendigen Druckausgleich. Wenn ich mir dieses Bild vor Augen führe, kann ich als Chefin gelassener reagieren - und gelegentliches Jammern annehmen. In meiner Coachingausbildung habe ich gelernt, dass es im ersten Termin mit einem neuen Klienten oft ausschließlich um Entlastung geht. Erst danach entsteht Freiraum, um ein Problem zu bearbeiten.

Grenzen ziehen

Wir sollten uns allerdings auch bewusst machen, dass das Drama eines chronischen Nörglers kein Kammerspiel mit einer Person ist. Teammitglieder, die täglich jammern und meckern, schädigen nicht nur sich selbst, sondern auch die Menschen in ihrer Umgebung. Psychologen nennen diesen Prozess projektive Identifikation. "In einem Bild gesprochen: Es ist, als ob Pessimisten andere Menschen als Mülleimer benutzen, wodurch sich die Nörgler erleichtert fühlen, aber alle anderen beschwert und erschöpft", schreibt Kets de Vries.

Daher finde ich es wichtig, klare Grenzen zu ziehen und anzusprechen. Ich habe schon erlebt, dass Kollegen ganz erschrocken waren, als ich ihnen gespiegelt habe, was ihr Verhalten bei anderen bewirkt. Sich zu beschweren ist nützlich in Situationen, in denen wir denken, dass wir eine Veränderung bewirken könnte. Gelegentlich zu jammern, gehört dazu. Aber das Team als Mülleimer zu benutzen, finde ich unfair.

Wie sehen Sie das?