Antonia Götsch

Lead Forward Würden Sie kündigen, um Ihre Eltern zu pflegen?

Wenn wir es ernst meinen, Menschen in Unternehmen als Menschen sehen und nicht als Ressourcen, gehört zu diesen Menschen ein Leben dazu. Deswegen müssen wir auch über Care-Arbeit sprechen.

Könntet ihr euch vorstellen, eure Karriere zu beenden oder auf Eis zu legen, um eure Eltern zu pflegen?

Ich habe das schon einmal getan. Vielleicht liegt es auch an dieser Erfahrung, dass unser Podcast -Interview mit Vera Schneevoigt bei mir noch nachklingt. Die Topmanagerin hat beschlossen, ihren Job als Chief Digital Officer bei der Bosch-Gruppe mit 57 Jahren aufzugeben, um mit ihrem Mann in die Eiffel zu ziehen und ihre Eltern und Schwiegereltern zu pflegen. Die Senioren sind alle über 80 Jahre alt und brauchen zunehmend Unterstützung. Vera geht mit ihrem Thema an die Öffentlichkeit, um eine Debatte anzustoßen. Denn eigentlich findet sie: Pflege und Arbeit sollten vereinbar sein.

Wir sprechen inzwischen über Vereinbarkeit von Job und Kindererziehung, über Workations, über Sabbaticals. Über Pflege, so mein Eindruck, wird in Unternehmen hingegen kaum gesprochen.

Wenn Mitarbeitende Angehörige pflegen, verlangt das von Unternehmen und Führungskräften Flexibilität und Mut, sich auf ganz verschiedene Situationen und Bedürfnisse einzulassen. Oft ist nicht absehbar, wie lange und wie intensiv Care-Arbeit benötigt wird.

Doch wenn wir es ernst meinen, Menschen in Unternehmen als Menschen sehen und nicht als Ressourcen, gehört zu diesen Menschen nun einmal ein Leben dazu. Und meist – so jedenfalls meine Erfahrung – tragen Menschen etwas ins Unternehmen zurück, wenn sie sich unterstützt fühlen.

Team A - Der ehrliche Führungspodcast

Astrid (Maier, Xing-Chefredakteurin) und Antonia (Götsch, Chefredakteurin des Harvard Business manager) - deshalb Team A - leiten seit Jahren Teams. Sie sprechen alle zwei Wochen mit Gästen aus Unternehmen und Universitäten offen über starke Führung und das, was Managerinnen und Manager umtreibt.

Alle Folgen

Meinen Vater zu Hause zu pflegen, war anstrengend und mit vielen Konflikten verbunden. Aber: Dass wir unseren Abschied so intensiv und liebevoll gestalten konnten, erfüllt mich bis heute mit Frieden. Ich habe in den vier Monaten vieles gelernt, was mich auch als Führungskraft wachsen ließ.

  • Meine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen – und zu spüren, aus einem leeren Gefäß kann man einem anderen Menschen nichts einschenken.

  • Besser mit Emotionen umzugehen, diese zu zeigen und zu akzeptieren. Früher fühlte ich mich überfordert, wenn Mitarbeitende weinten. Heute kann ich solche Momente offener zulassen und meine Unterstützung anbieten.

  • In meiner Familie ist Durchhalten und andere nicht mit seinem Kram zu belästigen, ein verbreiteter Glaubenssatz. Ich lernte damals, dass schwach zu sein, die allergrößte Stärke sein kann. Und dass Hilfe oft von unerwarteter Seite kommt, wenn man darum bittet.

Anders als Vera wusste ich damals: Es geht um eine begrenzte Zeit von mehreren Monaten. Mein Chef ermöglichte mir, mobil und flexibel zu arbeiten. Ich gab Aufgaben ab - und arbeitete so viel, wie es mir gut tat. Kaum etwas hat mich stärker als Mitarbeitende gebunden als sein Verständnis und Rückendeckung in einer schweren Situation. Ich gebe zu (und er weiß es auch, weshalb ich das schreibe): Es gibt wenige Menschen, die mich so wahnsinnig gemacht haben wie mein ehemaliger Chef. Doch egal, wie sehr wir manchmal stritten: Ich dachte mir immer, er hat das Herz am richtigen Fleck. Und ich bin überzeugt, kaum etwas sorgt für höhere Loyalität.

Im Podcast hören Sie, wie Vera Schneevoigts Entscheidung für viel Unruhe im Unternehmen sorgte und welche Rolle die Flut im Ahrtal spielte für ihre Entscheidung.

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