Zur Ausgabe
Artikel 14 / 30
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Ankerkraut-Gründerpaar über Zusammenarbeit "Google macht das auch so"

Anne und Stefan Lemcke haben als Ehepaar das Unternehmen Ankerkraut gegründet. Der Gewürzhersteller aus Norddeutschland wächst schnell. Ist die eheliche Vertrautheit der Grund für den Erfolg?
Das Interview führte Michael O. R. Kröher
aus Harvard Business manager Spezial 1/2021
Anne und Stefan Lemcke, Gründer von Ankerkraut

Anne und Stefan Lemcke, Gründer von Ankerkraut 

Foto: Benne Ochs

Harvard Business manager: Sie haben im November 2011 geheiratet, keine zwei Jahre später Ihr Unternehmen Ankerkraut gegründet. Welche Rolle spielt die eheliche Nähe für den Erfolg Ihrer Firma?

Anne Lemcke: Eine große. Bei einer Gründung braucht man Vertrauen . Und wen kennt man besser, wem vertraut man mehr als dem Ehepartner? Man ist auf gleicher Wellenlänge, sitzt in einem Boot. Und wenn man vor lauter Sorgen um das junge Unternehmen mal eine schlaflose Nacht hat, dann weiß man, dass der andere auch nicht schläft, weil er über dasselbe Thema grübelt. Dann bespricht man auch mal um drei Uhr morgens das Problem. Diese Verlässlichkeit und diese Nähe haben unsere Beziehung noch besser, inniger gemacht.

Stefan Lemcke: Das Verständnis für den Partner und die gemeinsame Aufgabe ist vor allem in der Gründungsphase enorm wichtig, um ein Unternehmen und dessen Mitarbeiter auf die Erfolgsspur zu bringen.

Anne Lemcke: Unsere Kinder sind erst sieben und acht Jahre alt, aber Ankerkraut ist auch schon ein Teil ihres Lebens.

Haben Sie diese enge Vertrautheit Ihrer Ehe eins zu eins aufs Unternehmen übertragen?

Stefan Lemcke: Ja, am Anfang. Da waren wir sehr emotional, haben uns über Fragen der Unternehmensentwicklung auch mal vor den Kollegen gestritten. Bis wir merkten: Dieser familiäre Umgang funktioniert in einem Team von maximal zehn Leuten, nicht aber in Unternehmen unserer aktuellen Größe. Heute müssen die Mitarbeiter das Gefühl haben, dass ihre beiden Gründer an einem Strang ziehen, dass wir verlässlich sind.

Wie etablieren Sie heute ein Gemeinschaftsgefühl im Alltag Ihrer Firma?

Anne Lemcke: Wir stellen Augenhöhe her, die Mitarbeiter sind für uns echte Kollegen. Zwar gibt es unterschiedliche Verantwortlichkeiten bei den Team- und Bereichsleitern, bei der Geschäftsführung. Aber im Umgang bewegen wir uns auf einer Ebene.

Was heißt das konkret?

Stefan Lemcke: Es gibt gemeinsame Essensräume. Vor den Corona-Beschränkungen hat das Unternehmen immer wieder Teamevents finanziert, Bowlingabende, Lokalbesuche. Wir haben gemeinsam im Team gekocht, veranstalten ein Oktoberfest auf dem Hof. Vor der Pandemie hatten wir mindestens zwei Betriebsausflüge pro Jahr, da kommen alle mit. Die Abteilungen richten reihum Mottopartys aus, selbstverständlich auf Kosten des Unternehmens.

Wie finden Sie Fachkräfte, die zu Ankerkraut passen?

Anne Lemcke: Bei Einstellungen achten wir vor allem auf die persönliche Eignung. Es ist uns wichtiger, dass jemand in sein Team und in unser Mindset passt, als dass er oder sie alle Qualifikationen der Ausschreibung gleich umfassend mitbringt.

Stefan Lemcke: Eine neue Software kann fast jeder erlernen. Aber nicht jeder passt in jedes Team. Niemand kann ein anderer Mensch werden, seine Persönlichkeit austauschen.

„Es ist uns wichtiger, dass jemand in sein Team passt, als dass er oder sie alle Qualifikationen mitbringt.“

Wie vermitteln Sie Neulingen in der Belegschaft Teamgefühl?

Stefan Lemcke: Durch sorgfältige Onboardingprogramme. Jeder Neuling lernt alle Bereiche aus eigener Anschauung kennen. Das sorgt für Wertschätzung gegenüber allen Bereichen. Die Kollegen aus dem kaufmännischen Bereich sollen zum Beispiel Respekt entwickeln für die Knochenarbeit in der Produktion und der Logistik.

Anne Lemcke: Vor Weihnachten, wenn das Geschäft richtig brummt, arbeiten zum Beispiel die Büroleute in Sonderschichten im gewerblichen Bereich. Das verschafft den Menschen an den Maschinen nicht nur Respekt, es macht auch Spaß. Ein weiterer wichtiger Faktor ist offene Kommunikation. Bei Ankerkraut soll niemand etwas in sich hineinfressen, sondern aussprechen, wenn er oder sie sich zum Beispiel verletzt oder übergangen fühlt. Das halten wir in unserer Ehe auch so, wenn wir mal böse miteinander sind. Meistens handelt es sich ja nur um Kleinigkeiten, die sich durch ein offenes Wort beseitigen lassen.

Das reicht, um Mitarbeiter über Jahre hinweg für Ihren ambitionierten Wachstumskurs zu motivieren?

Stefan Lemcke: Offenbar. Zwei unserer Bereichsleiter haben vor sieben Jahren bei uns als studentische Hilfskräfte angefangen.

Anne Lemcke: Die waren damals noch Schüler, haben Abitur gemacht.

Stefan Lemcke: Ja, stimmt. Die sind mitgewachsen mit dem Unternehmen, haben jetzt ein Gehalt im oberen fünfstelligen Bereich und einen Dienstwagen, sind voll bei der Sache und engagiert.

Wenn die Verantwortung der Mitarbeiter wächst, müssen die Chefs gleichzeitig mehr Vertrauen in deren Fähigkeiten entwickeln. Wie gelingt Ihnen das?

Stefan Lemcke: Das ist mir anfangs sehr schwergefallen. Ich war früher ein Kontrollfreak. Ich musste lernen loszulassen. Sonst funktioniert Wachstum nicht.

Zusammenarbeit

Die Mehrheit aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer weltweit erledigt den größten Teil ihrer Tätigkeit in Teams. Dabei kann Großes entstehen oder es scheitert an den kleinsten Dingen. Gutes Teamwork ist kein Selbstzweck, sondern ein fragiles Konstrukt, um das man sich kümmern muss.

Wir haben alles Wichtige für Sie zu diesem Thema zusammengestellt.

Zur Themenseite "Zusammenarbeit"

Anne Lemcke: Wir versuchen grundsätzlich, unseren Kollegen lange Leine zu lassen. Kein Mikromanagement!

Stefan Lemcke: Es ist doch furchtbar, wenn die Mitarbeiter nicht mal allein den Schlüsseldienst beauftragen dürfen, jeden Reifenwechsel am Lieferwagen genehmigen lassen müssen! Wenn man Freiheiten gibt, dann machen die Leute ihren Job gut!

Im Sommer hat Ankerkraut 20 Prozent des Kapitals an den Private-Equity-Investor EMZ verkauft. Zugleich haben Sie Ihre zwei Co-Geschäftsführer zu Gesellschaftern gemacht. Stärkt gemeinsamer Kapitalbesitz auch den Zusammenhalt im Unternehmen?

Anne Lemcke: Ja. Wir haben uns riesig gefreut, dass wir diese beiden seit Jahren engagierten Kollegen beteiligen konnten. Das haben sie sich wirklich verdient.

Stefan Lemcke: Ich hätte denen gern noch mehr gegeben. Ich finde sowieso, man soll verdiente Mitarbeiter am Unternehmen beteiligen. Google  macht das auch so.

Spezial 2021

Die Kraft des Wir

Zusammenarbeit: Wie Teams gemeinsam Großes schaffen

Heft probelesen Heft kaufen

Dieser Artikel erschien im Spezial 2021 des Harvard Business manager.

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Zur Ausgabe
Artikel 14 / 30
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.