Ideenfindung Vier Wege, um unter Stress kreativ zu bleiben

Nach Monaten der Pandemie fühlen viele Menschen sich müde und ausgelaugt. Keine gute Stimmung, um kreative Ideen zu entwickeln. So führen Sie sich und Ihr Team zurück zur Kreativität.
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Die Covid-19-Pandemie hat in der Gesellschaft zu massiven Einschnitten geführt, die den Verlust von Leben, Gesundheit, Arbeitsplätzen, Kinderbetreuung, Stabilität und inneren Frieden, wie wir ihn kannten, zur Folge hatten. Es ist das erste Mal seit einem Jahrhundert, dass alle Menschen auf der Welt gleichzeitig dieselben ungeplanten, stressigen Veränderungen durchlaufen. Trotz dieser weitreichenden Ungewissheit können wir uns kollektiv auf eines verlassen: Das menschliche Gehirn ist mit starken Reaktionsmechanismen ausgestattet, die uns schützen.

Um die Kraft unseres Gehirns optimal zu nutzen, ist es jedoch wichtig, zunächst zu verstehen, was bei Stress auf kognitiver Ebene passiert. In beunruhigenden oder unvorhersehbaren Situationen versucht das Gehirn, die eingehenden Reize zu interpretieren und einen Aktionsplan zu erstellen. Wenn prekäre Umstände jedoch länger andauern und mit Angst und Furcht verbunden sind, besteht die biologische Reaktion des Gehirns darin, sich zu verstecken, anstatt zu erkunden. Aus evolutionärer Sicht hat das Überleben schließlich Vorrang vor Kreativität, da die Stresshormone, die uns auf einen Kampf vorbereiten, auch die an der Kreativität beteiligten Netzwerke unterbrechen.

Die kognitive Belastung durch dieses unterbewusste Scannen und die Erstellung von Szenarien ist ein Grund dafür, dass man sich eher müde und uninspiriert als kreativ fühlt – viele von uns leben ihr Leben in verschiedenen Stadien des Kampf-oder-Flucht-Modus. Warum ist das wichtig? Wenn wir verstehen, wie das Gehirn bei Bedrohung und potenziell beängstigenden Herausforderungen funktioniert, wird es einfacher, spezifische Strategien zu entwickeln.

Kontrolle zurückholen

Das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, ist eines der Hauptursachen von Ungewissheit und Ambivalenz. Anhaltende Unsicherheit kann ein Gefühl des Abdriftens hervorrufen und es kann schwieriger werden, zu planen oder Entscheidungen zu treffen. Unter diesen Bedingungen werden die emotionalen Amygdala-Schaltkreise Ihres Gehirns immer aktiver: Anstatt mithilfe des präfrontalen Kortex (PFC) proaktive und durchdachte Handlungen zu wählen, werden Sie möglicherweise reaktiv und lassen sich eher von Angst leiten. Angst ist der Feind des kreativen Denkens, denn sie lenkt die neuronalen Ressourcen darauf, die wahrgenommene Bedrohung zu neutralisieren.

Deshalb kann es eine gewinnbringende Idee sein, Unsicherheiten zu verringern, indem man seine eigenen Brüche plant. "Wenn wir selbst die Disruptoren sind, ist es immer noch beängstigend, aber wir haben ein Gefühl von Handlungsfähigkeit und kennen einen Grund für unser Handeln. Wir wissen nicht, wie es enden wird oder ob wir in der Lage sein werden, das zu tun, was wir uns vorgenommen haben, aber zumindest haben wir die Richtung gewählt, und wir bewegen uns auf unser ultimatives Ziel zu", sagt Jonathan Fields, Moderator des Good Life Project Podcasts. Fields zufolge kann dieser Ansatz Sie so zentrieren, dass Sie ein Gefühl der Kontrolle behalten, besser atmen und klarer denken können. Dies geschieht, weil die Konzentration auf das eigene Ziel den PFC aktiviert, das Zentrum für Planung und Kontrolle in unserem Gehirn, das dabei hilft, die Gedanken und Emotionen zu regulieren. Und letztlich die Verhaltensweisen, die dazu führen können, dass Sie Ihre kreativen Kanäle entweder öffnen oder schließen.

Feste Struktur für Kreativität schaffen

Klarheit, Orientierung und die entsprechenden Werkzeuge reduzieren Stress und die Angst vor dem Unbekannten und geben dem Gehirn die Freiheit, kreative Verbindungen herzustellen, anstatt sich mit drohenden Gefahren auseinanderzusetzen. Mobiles Arbeiten und hybride Arbeitsformen haben dieses Bild jedoch verkompliziert, so dass es noch wichtiger ist, sich Gedanken darüberzumachen, wie Arbeit, Kommunikation und Kooperation strukturiert werden können. Ohne die zufälligen Gespräche im Büro, die manchmal zu kreativen Funken führen, brauchen Unternehmen, denen die Produktinnovation am Herzen liegt, einen Weg, um auch aus der Ferne stets kreativ zu bleiben.

Andrew Yanofsky, Betriebsleiter des Spielzeugherstellers WowWee, erklärt, dass die Pandemie Teams dazu gezwungen hat, die erwarteten Ergebnisse von Brainstorming-Sitzungen besser zu überdenken und zu strukturieren. Sein Unternehmen hat Änderungen vorgenommen, um dieser Realität entgegenzukommen. "Da wir uns bei der Ideenfindung nicht auf persönliche Gespräche verlassen können, haben wir uns bewusst entschieden, für Meetings feste Aufgaben zu vergeben, Besprechungen zu moderieren und die Ergebnisse von Brainstormings besser nachzuverfolgen", sagt Yanofsky. Eine Person wird als Schriftführer für den gesamten Prozess bestimmt und behält die wichtigsten Ergebnisse von Anfang bis Ende im Auge.

Obwohl viele Menschen Kreativität als eine freie Form des gegen den Strich Denkens betrachten, erklärt Yanofsky, dass seine Teams diesen Prozess formalisiert haben, indem sie "einen Sandkasten bauen und dann darin spielen", während sie gleichzeitig sicherstellen, dass sie psychologische Sicherheit  für die Mitwirkenden bieten.

Neues ausprobieren

Während Sie den PFC aktivieren und die Angst in Schach halten, indem Sie sich Ihre eigenen Brüche verursachen und klären, wie Sie und Ihre Teams an kreative Prozesse herangehen, können Sie Ihre Kreativität in stressigen Zeiten weiter steigern. Dies können Sie tun, indem Sie Ihr Gehirn trainieren und in neue und andere Aktivitäten eintauchen. Die Forschung hat gezeigt, dass es das kreative Denken fördern kann, wenn man sich außerhalb seines primären Fachgebiets bewegt.

Eine Studie hat beispielsweise ergeben, dass die Diversifizierung der Arbeitsschwerpunkte die kognitive Flexibilität erhöhen kann, was zu einer flüssigeren Ideenfindung und Kreativität führt. Die Social-Media-Marketing-Beraterin und Komponistin Marie Incontrera hat sich für diesen Weg entschieden. Sie gibt an, dass die Zusammenarbeit mit Speaker und Leadership-Expertin Dorie Clark entscheidend dazu beigetragen hat, ihre Kreativität in eine andere Richtung als ihre eigentliche Arbeit zu lenken. Während der Pandemie schufen Incontrera und Clark ein neues Musiktheaterstück, ein lesbisches Spionage-Musical namens Absolute Zero, das in einem renommierten Entwicklungsprogramm von Apples and Oranges Arts entwickelt wurde. Ihr Ziel ist es, die Show im Jahr 2026 am Broadway aufzuführen.

Verbundenheit steigern

Sowohl Einzelpersonen als auch Unternehmen kämpfen mit den kreativitätshemmenden Auswirkungen von Dauerstress, Unterbrechungen und Unsicherheit. Lourdes Olvera-Marshall, Strategin für Vielfalt und Inklusion und Coach für Führungskräfte, fand heraus, dass die Produktivität durch die Arbeit im Homeoffice zwar enorm anstieg, Brainstorming und Kreativität jedoch zurückgingen, da die Mitarbeiter den größten Teil des Tages in hintereinander geschalteten Zoom-Meetings saßen.

Eine Lösung, die unserem Gehirn hilft, diese Herausforderungen zu bewältigen, besteht darin, die Freisetzung des "Sozialhormons" Oxytocin in unserem Gehirn zu fördern. Olvera-Marshall erzählte uns, dass ihr Team dies erreicht hat, indem es "zu den Grundlagen zurückkehrte" und zu Beginn eines Zoom-Meetings Zeit für nicht aufgabenbezogene Gespräche einräumte, damit die Kollegen auf persönliche Weise in Kontakt treten konnten.

Außerdem nimmt sie sich weiterhin mindestens alle zwei Wochen Zeit für persönliche Gespräche mit ihren Teammitgliedern ohne Tagesordnung. "Ich habe gesehen, wie diese kleinen Momente eine Verbindung und psychologische Sicherheit schaffen, da sich die Teammitglieder wohler fühlen und die Meetings mehr Spaß machen", erklärt Olvera-Marshall.

Diese Art von sozialer Verbundenheit ist ein starker Kreativitätsverstärker, da sie das gegenseitige Vertrauen stärkt – ein grundlegendes Element für Kreativität. Olvera-Marshall hat festgestellt, dass der Austausch von Ideen deutlich zunimmt, wenn einige Sitzungen pro Woche mit positiven, persönlichen Interaktionen beginnen. "Jeder geht entspannter an die Arbeit heran, was den Parasympathikus aktiviert und das richtige Klima für neue, vielfältige Ideen schafft. Dies wiederum steigert die Motivation und Kreativität", sagt sie.

Mit diesen Strategien hilft Olvera-Marshall den Führungskräften ihres Unternehmens nicht nur die Kreativität des Einzelnen, sondern auch die Kreativität des Teams zu fördern. Dieser Ansatz verbessert das neurochemische Gleichgewicht des Gehirns, indem es die Stresshormone reduziert und die prosozialen Hormone erhöht. Damit trägt es dazu bei, dass die durch Unsicherheit unterbrochenen Kreativitätsnetzwerke wieder verknüpft werden können.

Mit jedem der oben genannten proaktiven Schritte können Sie den Stress der Unterbrechung in Treibstoff für Kreativität umwandeln, indem Sie Ihre evolutionären Angstreflexe abbauen und stattdessen Ihre kreativen Gehirnschaltkreise nähren und neu beleben. Setzen Sie diese Ideen immer dann um, wenn Ihre Innovationskraft einen Schub braucht, vor allem aber während Ihrer schwierigsten Herausforderungen - schließlich sind Zeiten des raschen Wandels, der Unterbrechung und der globalen Ungewissheit wohl die Zeiten, in denen mutige und kühne Kreativität am meisten gebraucht wird. ©2021 HBP

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