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23andMe-CEO Anne Wojcicki Vision und Ausdauer

Die CEO des Biotechunternehmens 23andMe über ihren Kampf mit der Gesundheitsbehörde, die Transformation der Unternehmenskultur und aktuelle Corona-Forschung.
aus Harvard Business manager 12/2020
Anne Wojcicki gründete 2006 das Unternehmen 23andMe - benannt nach den 23 Chromosomen paaren des Menschen

Anne Wojcicki gründete 2006 das Unternehmen 23andMe - benannt nach den 23 Chromosomen paaren des Menschen

Foto: Gabriela Hasbun

Spätabends an einem Freitag im November 2013 erhielt ich eine Textnachricht meiner Assistentin, in der sie mir mitteilte, wir hätten eine Kuriersendung der US-Arzneimittelbehörde FDA (Food and Drug Association) erhalten. Das ließ mich aufhorchen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich 23andMe bereits seit einigen Jahren ein mühsames Hin und Her mit der Behörde über Regulierungsfragen geliefert. Ich war gerade in einem Strategieworkshop und deshalb nicht vor Ort. Ich hoffte, wir konnten Zeit gewinnen. Also schrieb ich meiner Assistentin, sie solle das Paket nicht annehmen, was sie aber bereits getan hatte. Die Sendung enthielt eine Abmahnung, die die Zukunft von 23andMe für immer verändern sollte.

Am darauffolgenden Montagmorgen machte die FDA ihre Warnung öffentlich – das war bis dahin so gut wie nie vorgekommen, zumindest nicht vergleichbar kurzfristig. Die Presse wollte umgehend mit uns sprechen. Dann erhielt ich einen Anruf von David Kessler, dem früheren Leiter der FDA, der uns seit der Unternehmensgründung inoffiziell beriet. Er sagte: "Anne, du machst dir wahrscheinlich keine großen Sorgen wegen des Schreibens, aber ich muss dir sagen: Das solltest du. Die FDA ist wirklich verärgert."

23andMe bestand zu diesem Zeitpunkt seit sechs Jahren und war der einzige Anbieter von privaten Gentests, die Verbraucher darüber informierten, ob sie Anlagen für bestimmte Krankheiten in sich tragen. Vom ersten Tag an standen wir im Austausch mit der Gesundheitsbehörde, konnten in der Regel aber alle strittigen Punkte klären. Diesmal war es anders: Die FDA forderte uns auf, unseren Gesundheitsbericht an Privatpersonen sofort einzustellen. Wir schlugen vor, die Tests anders zu vermarkten und dafür zu sorgen, dass sie fortan nur noch von Ärztinnen und Ärzten bestellt werden konnten. Doch der FDA genügte das nicht.

Bisl dahin hatte ich Herausforderungen immer gut gemeistert, aber diesmal war ich mit meinem Latein am Ende. Die Folgewoche verbrachte ich damit, Anwälte, Lobbyisten und Wissenschaftler anzurufen, um verschiedene Expertenmeinungen einzuholen. Mein erster Gedanke war, die Abmahnung anzufechten; ich erkannte aber schnell, dass das nicht zielführend sein würde.

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Dann hatte ich ein entscheidendes Meeting mit dem Complianceteam eines großen Pharmaunternehmens. Die Verantwortlichen fragten mich: "Willst du eine schnelle Lösung, damit du die Firma verkaufen kannst und die Sache ein Ende hat, oder möchtest du, dass es für dich auch die nächsten zehn Jahre weitergeht?" Ich antwortete: "Ich bleibe noch zehn Jahre und länger bei 23andMe." Daraufhin rieten sie mir, die Ärmel hochzukrempeln und der Arzneimittelaufsicht zu beweisen, dass unser Test von höchster Qualität und die Ergebnisse für die Verbraucher verständlich waren. "Das wird die Branche weitaus nachhaltiger verändern, aber es wird Jahre dauern", erklärten sie noch.

Was folgte, war ein schmerzhafter Prozess, der einen tief greifenden Wandel für das Unternehmen bedeutete. Unser Screeningprodukt zur Früherkennung von Gesundheitsrisiken mussten wir für zwei Jahre vom Markt nehmen. Während dieser Zeit arbeiteten wir an der Zulassung durch die FDA und nahmen grundlegende strukturelle Änderungen vor, um den behördlichen Erwartungen zu entsprechen. Wir stellten neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein und schulten unser Team in Compliancefragen.

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